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22.08.2001


Damir Fras

Ein Protest, der Schule macht
Nicht alle Kinder von Crostwitz sollen weiterhin in ihrem Dorf unterrichtet werden - wie eine kleine Änderung der Vorschriften tausende Sorben aufbringt

CROSTWITZ, im August. Geschichtsstunde bei Jan Nuck. Teil 1, die Nazizeit: "Die Faschisten haben in unserer Schule Hitlerbilder aufgehängt und die Kruzifixe abgehängt. Nachts haben unsere Leute dann die Hitlerbilder entfernt und die Kreuze wieder aufgehängt."

Teil 2, die DDR: "In manchen Jahren hatten wir hier eine Beteiligung von null Prozent an der Jugendweihe." Teil 3, das vereinigte Deutschland: "Da kommt dieser demokratische Staat und will uns unsere Schule nehmen. Eine Dummheit."

Jan Nuck ist in Fahrt. Seine Worte durchmessen fast siebzig Jahre in weniger als dreißig Sekunden. Die Crostwitzer, will Nuck sagen, die haben sich nie vor der Obrigkeit gebeugt und werden es auch jetzt nicht tun; jetzt, da der Kultusminister eine Schule schließen will.

Siebzehn sind zu wenig

Crostwitz ist ein kleines Dorf in der sächsischen Lausitz, kaum zwanzig Kilometer von Bautzen entfernt. Eine katholische Kirche, die Karol Woytila 1975 besucht hat, bevor er wenige Jahre später Papst wurde; daneben eine Dorfkneipe, die den Sonntag erträglich macht; ein Kriegerdenkmal und eine Schule. Die meisten der 1 200 Einwohner von Crostwitz sind Sorben, Nachfahren eines slawischen Stammes, der sich vor etwa anderthalb Jahrtausenden im Zuge der Völkerwanderung in der Lausitz niederließ und bis heute die einzige slawische Sprachinsel in Deutschland bildet. Doch die Insel wird immer kleiner, weil das Deutsche von allen Seiten an den Ufern nagt. Nur 60 000 Sorben in Sachsen und Brandenburg sind übrig geblieben. Viele verwenden ihre Muttersprache nur noch zum Hausgebrauch oder legen sie ab, weil sie in den Westen ziehen. "Wenn 19 Sorben und ein Deutscher an einem Tisch zusammensitzen, was wird dann wohl gesprochen?", fragt Jan Nuck und lässt die Antwort aus. Sie ist nicht nötig. Das Sorbische beugt sich wortlos.

Nuck, der 54 Jahre alte Getränkehändler, ist Präsident der Domowina, des Bundes der Lausitzer Sorben. Seit zwei Wochen führt er einen Kulturkampf gegen die sächsische Landesregierung. Deren Kultusminister Matthias Rößler, ein Christdemokrat, hat sich an die neue Vorschrift gehalten, die seit diesem Schuljahr für die Einrichtung einer fünften Schulklasse an einer sächsischen Mittelschule zwanzig Teilnehmer vorschreibt. Ob Sorben oder Deutsche, das spielt keine Rolle. In Crostwitz sind es aber nur siebzehn Schüler. Weil nicht sein kann, was das Gesetz ausschließt, müssen die Elf- bis Zwölfjährigen aus Crostwitz seit Anfang des Schuljahres in einer fünften Klasse im fünf Kilometer entfernten Räckelwitz unterrichtet werden. Müssten - wäre das bessere Wort.

Denn die Eltern der siebzehn Schüler weigern sich, ihre Kinder nach Räckelwitz zu bringen. Dort gibt es zwar auch Unterricht in sorbischer Sprache. Deutsch aber ist Umgangssprache auf dem Pausenhof und viele Lehrer halten den Unterricht nur in deutscher Sprache ab. Den perfekt zweisprachigen Kindern würde in Räckelwitz das Sorbische langsam ausgetrieben, fürchtet der Crostwitzer Vater Marko Jurk, dessen Kind weiter in seine alte Schule geht. Stirbt die Klasse, stirbt die Schule, und stirbt die Schule, dann stirbt das Dorf und damit auch das sorbische Dorfleben, sagt er. So verhalten sich die Eltern seit dem 9. August, als habe es in Dresden keine Gesetzesänderung gegeben. Die Kinder werden weiter in ihrer alten Schule unterrichtet. Aus Räckelwitz wurden die regulären Lehrpläne für die fünfte Klasse geholt, in Crostwitz und Umgebung pensionierte Lehrer rekrutiert, die nun unentgeltlich Unterricht in sorbischer Sprache halten. Nur Noten gibt es nicht. Wer würde die auch anerkennen?

Jeden Morgen gegen sieben Uhr wird in Crostwitz demonstriert. Es wirkt wie Rebellion. Hunderte versammeln sich auf dem Schulhof, der Chor des Sorbischen Nationalensembles aus Bautzen singt seine Solidaritätsbekundungen, eine Blaskapelle spielt, und mancher Oppositionspolitiker aus Dresden fährt in die Lausitz, um aus dem zivilen Ungehorsam im sächsischen Stammland der Christdemokraten politisches Kapital zu schlagen. An diesem Tag ist es PDS-Fraktionschef Peter Porsch, ein gebürtiger Österreicher. Er klagt an, nachdem er sich schnell über die - wie er sie nennt - feigen Abgeordnetenkollegen aus der Regierungsfraktion verbreitet hat: "Wer Schulen in sorbischen Gebieten schließt, ist gegen das sorbische Volk." Beifall ist ihm sicher.

Kurz nach sieben Uhr ist Einmarsch der Kinder. Flankiert von ihren Eltern marschieren die siebzehn Schüler über den Hof ins Schulgebäude. So viel Aufmerksamkeit bekam noch kein Fünftklässler in Sachsen. Einer der Demonstranten regt an, dass die Eltern den Fernsehanstalten nur noch Auskunft in sorbischer Sprache geben sollen. "Die Lausitz ist zweisprachig", steht auf Protestplakaten. "Wir sind das sorbische Volk", und - als Aufforderung an die Crostwitzer Sorben und zugleich als Drohung an die sächsischen Schulpolitiker gedacht: "Habt Geduld. Wir sind fruchtbar!" Biedenkopfs Wort

Einstweilen aber sprechen die Zahlen noch gegen die Crostwitzer. Und nicht nur die. Das Dresdner Verwaltungsgericht hat die Entscheidung des Kultusministers gebilligt. Er fürchtet, ein Einlenken in Crostwitz würde ihm hunderte anderer Eltern ins Haus bringen, die für ihre Kinder dasselbe Recht einfordern. Ministerpräsident Kurt Biedenkopf hat zwar Verständnis für die Sorben geäußert, hat aber gleichfalls erklärt, die demografische Entwicklung mache auch vor den Sorben nicht Halt.

Elisabeth Nuck, seit März pensioniert und seit Anfang August unerwartet wieder als Lehrerin in Crostwitz tätig, sagt dazu nur: "Es ist nicht dasselbe, ob eine deutsche Schule schließt oder eine sorbische. Wie kann man 80 Millionen Menschen mit 60 000 vergleichen?"

Wer zwei Sprachen beherrsche wie die Crostwitzer Kinder, könne eine Brücke bauen zwischen West und Ost. "Ich habe nach der Wende drei Jahre in Polen unterrichtet und konnte mich schon nach wenigen Tagen mit den Menschen unterhalten", sagt die Schwester des Domowina-Präsidenten Nuck und folgert: "Deutschland braucht seine Minderheiten." Um das zu verstehen, müssten sich die Deutschen eben mehr mit Mentalität, Kultur und Geschichte der Minderheiten befassen, sagt Frau Nuck.

Die Geschichte der Sorben im abgelaufenen Jahrhundert ist eine Geschichte von Unterdrückung, politischer Einvernahme und Ignorierung. Die Nationalsozialisten verboten die sorbischen Vereine, verfolgten ihre Funktionäre, änderten die Namen der Dörfer. In der DDR war die offizielle Zuneigung groß. Den Sorben fehlte es nicht an Zeitungen, nicht an Kulturinstituten, zunächst auch nicht an Schulen. Der Preis dafür war allerdings die völlige Unterordnung unter die Politik der SED. "Das war wie die Umarmung eines russischen Bären", sagt einer der Demonstranten auf dem Crostwitzer Schulhof - Liebesbeweise an die DDR-eigenen Slawen, die die Luft zum Atmen nahmen. Während der Verhandlungen über die deutsch-deutsche Vereinigung wurde die sorbische Angelegenheit eine Fußnote im Einigungsvertrag. Eine Protokollnotiz zum Artikel 53 des Vertrages sichert den Sorben den Schutz ihrer nationalen Identität zu. Auch in den Landesverfassungen von Brandenburg und Sachsen werden sie erwähnt. Der Freistaat Sachsen, heißt es in der Verfassung, muss den Sorben das "Recht auf Bewahrung ihrer Identität sowie auf Pflege und Entwicklung ihrer angestammten Sprache, Kultur und Überlieferung, insbesondere durch Schulen, vorschulische und kulturelle Einrichtungen" schützen.

Beten und singen

Wer sorbische Schulklassen schließt, verstoße gegen diese Vorschrift, sagen die Crostwitzer und erhalten Trost und Zuspruch aus den Funktionärsetagen anderer Minderheiten. "Volle Solidarität" signalisiert der Rat der Kärntner Slowenen in Österreich, Unterstützung bietet die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen aus Budapest an. Und aus Tschechien warnen Politiker, der Streit um die Schule werde "indirekt einen Schatten auf die deutsch-tschechischen Beziehungen" werfen. In Nordböhmen sammeln sie Unterschriften für den Erhalt der Crostwitzer Schulklasse. In Zeiten der "demokratischen Befreiung Europas" sei es "sehr unangenehm", wenn das sorbische Schulnetz bedroht werde, heißt es auf der Unterschriftenliste.

"Das Ganze wird jetzt international", sagt einer der Demonstranten auf dem Schulhof, als ob er sich Hoffnung machen will, dass ein Sturm der Entrüstung von allen Seiten die sächsische Schulpolitik ändern könnte. Mindestens eine Ausnahmegenehmigung für die Crostwitzer Schule müsse her und dann ein Gesamtkonzept für das sorbische Schulwesen in der Lausitz, sagen die politischen Vertreter der Sorben und haben einen runden Tisch ins Leben gerufen, der eigene Vorschläge machen soll.

"Der Widerstand hat begonnen. Erreicht haben wir bislang nichts", sagt Domowina-Präsident Jan Nuck. Doch in der letzten Woche haben sie sich noch etwas Neues einfallen lassen. Die Crostwitzer ziehen zu Hunderten in einem Sternmarsch zur katholischen Pfarrkirche. Sie beten und singen. Argumentiert haben sie genug.

BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Die sorbische Schule Crostwitz: Weil der Freistaat Sachsen hier keine fünfte Klasse mehr einrichtet, werden die Kinder von freiwilligen Lehrern unterrichtet.