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Der Kampf der Lausitzer Sorben  
29.08.2001 von Christopher Ray

Zivilcourage haben sie gezeigt, die Lausitzer Sorben, als man ihrer Schule in Crostwitz die 5. Klasse verweigerte. Ziviler Ungehorsam, und Solidarität. Pensionierte Sorbische Lehrer und auch der bekannte Schriftsteller Jurij Brezan haben spontan den Unterricht der betroffenen Klasse übernommen.
Trotz einer Gerichtsentscheidung gegen den Erhalt der Mittelschulklasse in Crostwitz:
Die Lausitzer Sorben kämpfen weiter.

Mit zunehmender Zustimmung und Unterstützung aus der gesamten Bevölkerung. Grenzüberschreitend.
Über den aktuellen Stand informiert der Sprecher der Initiative, Dirk Hentschel, in einem offenen Brief:

Offener Brief an Minister Rößler


Eltern der 5. Klasse der Sorbischen Mittelschule Crostwitz                                    28.08.2001
c/o. Dirk Hentschel  * Wingerstr. 3  * 01920 Crostwitz

An den
Sächsischen Staatsminister für Kultus
Herrn Dr. Matthias Rößler
Carolaplatz 1 

01097 Dresden

Nachrichtlich:  - Regionalschulamt Bautzen
                      - Landrätin Frau Fischer
                      - Gemeinden des Verwaltungverbandes “Am Klosterwasser”
                      - Domowina
                      - Rat für sorbische Angelegenheiten
                      - die Öffentlichkeit

Sehr geehrter Herr Staatsminister,
hier für Sie aus unserer heutigen Elternversammlung unsere Position:

  Zur jüngsten Geschichte:

1. Gespräch zwischen Ihnen und uns Eltern am 17.08.2001 unter Ausschluss der Öffentlichkeit, in dem wir Ihnen Lösungsvorschläge unterbreitet haben, u. a. Anmeldung der 17 Schüler in Räckelwitz bei Beschulung der 17 Schüler in einer externen Klasse in Crostwitz.

2. Gespräch von zwei Elternvertretern mit dem Leiter des Regionalschulamtes Bautzen am 24.08.2001, in dem wir wiederum Lösungsvorschläge vortrugen. Unter Bezug auf den Beschluss des OVG Bautzen vom 22.08.2001 wurde die Einrichtung einer 5. Klasse in Crostwitz bei Anmeldung von 20 Schülern von uns angefragt.

3. Unsere Vorschläge und Anfragen fanden keine Resonanz.

Unser Kommentar:
1. Anstatt den konstruktiven Dialog fortzuführen, verbreiten Sie äußerst fragwürdige Pressemitteilungen und verknüpfen Eltern- und Minderheiteninteressen mit Ihren Parteipolitischen Auseinandersetzungen.

2. Sie behaupten, Schaden entstehe für die Sorben, wenn die notwendigen Sonderregelungen für die Sorben als überzogen gelten und von den anderen Sachsen nicht mehr akzeptiert würden. Damit beleidigen sie alle, die unsere Bemühungen unterstützen. 

Die Vertreter von Schulinitiativen waren sich am vergangenen Wochenende einig gewesen, dass es für die Bildungseinrichtungen des sorbischen Volkes politische Sonderregelungen geben muss. Diese seien nicht als Privilegierung zu verstehen,sondern sollten das gleichberechtigte Miteinander von Mehrheits- und Minderheitssprache ermöglichen.

Unsere Erwartungen und unser Angebot

Wir knüpfen an das heutige Telefongespräch zwischen Ihnen und Herrn Nuck an. Ausgehend von der derzeitige Lage im Verwaltungsverband "Am Klosterwasser" unterbreiten wir folgenden Vorschlag:

1. Zentrale sorbische Mittelschule mit drei Standorten mit uneingeschränktem Bestandschutz. Bei der Entscheidungsfindung sollte die besondere Bedeutung der Schule in Crostwitz Beachtung finden.

2. Einrichtung eines vierten Schulstandortes als 5. und 6. Klasse des sorbischen Gymnasiums.

3. Einrichtung einer zusätzlichen Grundschule.

4. Wir sind bereit, unseren Protest an dem Tag auszusetzen, an dem wir die entsprechende schriftliche an konkrete Termine geknüpfte Zusage von Ihnen übergeben bekommen (Zug um Zug). Die Zusage muss im Einvernehmen mit der Mehrheitsfraktion des Sächsischen Landtages erfolgen.

5. Bis zur Vorlage der Zusage erhalten unsere Kinder wie bisher gültigen Unterricht an der Sorbischen Mittelschule Crostwitz.

Mit freundlichen Grüßen

Die Eltern


Ziviler Ungehorsam - Die Sorben in Crostwitz          
31.08.2001 von Monika Berger & Matthias Schmidt

Freitag, 31. August. Ein ganz normaler Schultag in Sachsen. Nicht in Crostwitz. Hier wird gestreikt. 450 Menschen haben sich vor der Mittelschule versammelt. Auf Meetings treffen sich Eltern, Lehrer, Politiker und Schüler. Thema: Die Mittelschule. Sie ist abgeschrieben. Von Sachsen. Keine fünfte Klasse darf hier noch unterrichtet werden. Über kurz oder lang laufen auch die anderen aus. 
Und dann wird die Schule dicht gemacht.

Doch nicht mit den Crostwitzer Sorben. Sie haben die Schule während der Ferien einfach renoviert. Seit mehr als drei Wochen protestieren sie gegen die Entscheidung, keine fünfte Klasse mehr einzurichten, schicken ihre Kinder einfach weiterhin nach Crostwitz. Stur. Und sie machen weiter. Dazu haben sie sich heute entschlossen.

Zuvor haben die 17 Eltern einen Vorschlag des Kultusministeriums abgelehnt. Inhalt: Die sorbischen Schüler sollen vorerst in die zweisprachige Schule in Räckelwitz, gern auch in Ralbitz oder Panschwitz-Kuckau gehen. In der Zwischenzeit soll eine Entscheidung über die Schulstandorte fallen.

Dabei ist das Ziel des Kultusministeriums klar: drei statt vier Mittelschulen. Begründung: Die Zahl der Schüler ist zu klein, es kommen zu wenige Klassen zusammen. Ein Punkt, der momentan alle Schulen in Sachsen betrifft. Das Problem der sorbischen Minderheit ist jedoch ein anderes. Sie sehen ihr bestehendes Schulnetz durch diese Entscheidung zerstört. Sie verlieren Boden. Dazu kommt: In der Mittelschule Crostwitz wird nur in sorbischer Sprache unterrichtet, in Räckelwitz auch in deutsch.

„Wir können nicht diese Schule schließen lassen", meint Elternsprecher Andreas Brezan. "Wer soll denn unsere Sprache in Zukunft sprechen, wenn schon bei den Kindern gespart wird." Gestern durften die Fünftklässler zum ersten Mal nicht mehr ins Klassenzimmer. Ihre Lehrer – alle pensioniert – unterrichteten sie in einem Nebengebäude. Heute wollten sie sich den Zutritt erzwingen, entschieden sich dann doch noch für den Anbau. „Um die Sache nicht eskalieren zu lassen", so die Erklärung der Initiatoren.

Eltern, Schüler, Politiker und Lehrer – sie alle stehen unter Stress. Keine Zensuren, kein Zeugnis, keine Versetzung - das ist die Warnung aus dem Kultusministerium.

Kein Unterricht, Verletzung der Schulpflicht, Strafe – das ist die Konsequenz des Landratsamtes. Das hat jetzt Kraft seines Amtes die Eltern angezeigt. Nun drohen ihnen empfindliche Geldstrafen jenseits der 2.000 Mark – pro Kind.

Doch die Crostwitzer spüren auch Solidarität. Die Domowina – Dachverband der Sorben - hat bereits angekündigt, die Geldstrafe im Ernstfall zu übernehmen. Der sorbische Schriftsteller Jurij Brezan hat bereits zweimal Unterricht in der Klasse gegeben. Und sorbische und deutsche Sympathisanten begleiten regelmäßig den Einzug der Schüler – anfangs in ihr Klassenzimmer, inzwischen in den Anbau.

Das Regionalschulamt sieht sich ebenfalls in der Bredouille. Einerseits hat es die Gesetze zu beachten, andererseits müssen deren Mitarbeiter mit offener Feindschaft klarkommen. Der Chef der Behörde Hans-Bernd Deutschmann wurde hemmungslos ausgepfiffen, als er zu einer Debatte vor Ort erschien. „Unter diesen Umständen bin ich nicht bereit zu diskutieren", beschied er die Sorben. Die Debatte sei ihm zu polemisch.

Ganz machtlos ist er allerdings nicht. Die Widerstandsfront der Sorben bröckelt stellenweise. Grund laut Domowina-Chef Jan Nuck: Schulleiter seien unter Druck gesetzt worden, als es um die Teilnahme am Streik ging. Auch der Träger der zweisprachigen Witaj-Kindergärten verbot einen Streik.
Rein gesetzlich gesehen hat das Kultusministerium alle Trümpfe in der Hand. Entsprechend fielen die Entscheidungen des Verwaltungsgerichts Dresden sowie des Oberverwaltungsgerichts Bautzen aus – gegen die Crostwitzer Mittelschule. Darauf beruft sich Kultusminister Matthias Rößler denn auch besonders gern. Doch die Sorben wissen auch: Gesetze werden von Politikern gemacht. Gerichte müssen sich lediglich danach richten.

Genau gegen die bestehenden Gesetze richtet sich derzeit eine sachsenweite Initiative: "Zukunft macht Schule". Eines ihrer wichtigsten Ziele: Ein kleinerer Klassenteiler. Damit müssten letztlich auch mehr Klassen eingerichtet werden, viele Schulen stünden gar nicht zur Debatte. Zudem versprechen sich die Initiatoren davon einen qualitativ höheren Unterricht.

Eine Unterschriftensammlung brachte bisher 62.000 Unterschriften. Am Mittwoch wurden sie dem Landtagspräsidenten Erich Iltgen übergeben. Damit sich der Landtag damit beschäftigt, wären lediglich 40.000 nötig gewesen. Ziel ist ein Volksentscheid in dieser Frage.

Unterdes lockt das Kultusministerium mit einer zentralen Mittelschule. Die Idee: Statt vier Schulen nur noch eine, beispielsweise in Höflein. Ein Neubau, für den das Land sogar bereit wäre, den höchstmöglichen Fördersatz rauszurücken. Argument: Eine topmoderne Mittelschule. Außerdem sollen alle sechs Grundschulen im sorbischen Gebiet bestehen bleiben, und das unabhängig von der Schülerzahl.

Ministerpräsident Kurt Biedenkopf hatte zwischendrin sogar schon angekündigt, eine Lösung finden zu wollen, außerhalb der politischen Gegebenheiten. Seit der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Bautzen hat er sich dazu jedoch nicht mehr geäußert.

Stattdessen gibt das Kultusministerium schon mal zu bedenken, was denn die deutschen Mitbürger von der Geschichte denken könnten. Schließlich verlangten die Sorben einen Bonus, den andere nicht für sich einfordern könnten.

Domowina-Chef Jan Nuck empören solche Andeutungen zutiefst: "Damit beleidigt man die vielen Sympathisanten aus der deutschen Bevölkerung." Immerhin: Hier sei nicht nur eine Schule bedroht. "Hier ist das ausdrücklich und verfassungsgemäß gesicherte Recht der sorbischen Minderheit bedroht. Und hier kann man einfach nicht mit der gleichen Elle messen."

Tatsächlich wäre es für die Schüler wesentlich einfacher, sich ihr Fahrrad zu schnappen und 1,5 Kilometer nach Räckelwitz zu fahren. Ohne das Damoklesschwert des drohenden Sitzenbleibens mangels Zensuren und ohne den Stress, ständig im Blickpunkt der Öffentlichkeit zu stehen. Sie wollen stattdessen etwas anderes tun. "Wir basteln jetzt die Crostwitzer Mittelschule und schicken sie Minister Rößler", meint ein Mädchen. Und ein Junge sagt: "Wir wollen ja lernen, aber wir wollen auch bleiben, was wir sind. Nämlich Sorben."

 

 


Und immer wieder Brezan...
Monika Berger-Lenz 05.09.2000

"Kein Krimi", warnt Jurij Brezan und erntet Gelächter. Und zieht rein, sofort, braucht keinen Krimi dafür. 

Die Geschichte handelt in Bautzen, sorbisch Budysin genannt.
Ein junger Brasilianer macht hier sein Abitur, steht schon nach wenigen Stunden zwischen zwei Mädchen. Natürlich sind beide die besten Freundinnen und die jeweils andere darf auf keinen Fall erfahren, was da zwischen ihnen läuft – verlangen die Mädchen.

Aus dem Plot entwickelt sich kurioses. Mit viel Humor und Einfühlsamkeit schildert Brezan das Dreiecksverhältnis. Alles während einer Zeit, da die Weltwirtschaftskrise erst in der Ferne murmelt, die Inflation seit vier Jahren vorbei ist, der Krieg Vergangenheit. 1928.

Jurij Brezan liest aus seinem neuen Roman (c) FAKTuell.de
Lesung aus "Die grüne Eidechse"
Erscheint Februar 2001 im Domowina-Verlag

Sieht man dem 84jährigen Jurij Brezan beim Lesen in der kleinen gemütlichen Bibliothek in Königswartha an, scheint sicher, dass er hier ein paar Teile seines Lebens ins Buch gebracht hat. Immer wieder zieht ein Schmunzeln um seine Mundwinkel. Er hat seinen Spaß, auch wenn er kein Honorar dafür nimmt. Mit jeder vorgelesenen Zeile scheint er den Zuhörern in der überfüllten Bibliothek um Jahre jünger und kraftvoller zu werden. Das was Jurij Brezan vorliest hat nichts von einem Alterswerk. Es ist jung und spritzig - voller Kraft und gleichermaßen aktuell und zeitlos. Und spannend. Eben ein Schreiber der sein Handwerk versteht und es zum Kunsthandwerk erhoben hat.

Und als so alle richtig versunken sind in die Geschichte um "Die grüne Eidechse" – auch der Autor selbst – da schaut er auf, überrascht, ein wenig unsicher. Fasst sich schnell und fragt, wie spät es ist, setzt entschuldigend hinzu: "Ich brauche die Uhr sonst nur, um zu wissen, wann ich ins Bett muss."

Eine Stunde vorgelesen, und alle sind erstaunt. Niemand hat bemerkt wie schnell die Zeit vergangen ist. "Ertragen Sie noch etwas?" Da gibt es keinen Widerspruch, alle ertragen – wohlig in die Wärme zwischen abgegriffene Bücherrücken gekuschelt, ein Glas Federweißer oder Wasser in der Hand, an die bereitgestellten Häppchen traut sich noch niemand richtig heran. Sie bekommen nicht mehr so oft vorgelesen wie während der Zeit als sie noch Kinder waren. Und genießen es dafür noch mehr.

"Das soll jetzt nicht wie Bettelei klingen, aber kommen sie doch bitte wieder einmal", meint die Bibliothekarin mit einem verschmitzten Lächeln. Und bekommt prompt ein Grinsen zurück: "Ja, sobald Sie wieder Geld haben."