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15.08.2001

Mit Applaus zum Schulbeginn


Sorbische Minderheit kämpft um Unterricht in ihrer Sprache

Gegen die Schließung einer fünften Klasse der sorbischen Mittelschule im sächsischen Crostwitz protestieren seit Tagen Eltern, Schüler und Lehrer. Das Kultusministerium verweigert wegen zurückgehender Schülerzahl die Einrichtung der Klasse. Statt der geforderten 20 hatten sich nur 17 Schüler dafür angemeldet.

Die kleine Schule in Crostwitz ist im Ausnahmezustand. Damit die 17 Schüler der fünften Klasse auch weiterhin in der Sprache ihrer Vorfahren reden können, bringen die sorbischen Eltern ihre Kinder nicht in die Schule im Nachbarort Räckelwitz, wo sie seit einigen Tagen unterrichtet werden sollen. Die Kinder gehen weiter in die alte Schule, wo pensionierte Lehrer den Unterricht erteilen. Viele Sorben unterstützen den ungewöhnlichen Protest. Denn die slawische Minderheit will verhindern, dass immer mehr Schulen geschlossen werden und immer weniger Sorben Sorbisch sprechen.

Das Siedlungsgebiet der Sorben liegt in der sächsischen und der brandenburgischen Lausitz. Die kleine slawische Minderheit ist dort seit anderthalb Jahrtausenden ansässig. Rund 60 000 Sorben leben heute noch in Sachsen und Brandenburg. In den Verfassungen beider Länder ist der Schutz der Minderheit fest verankert. Nun aber verstehen die Sorben die Welt nicht mehr. Auf der einen Seite werde die sorbische Sprachausbildung in Kindergärten gefördert, heißt es bei ihrem Dachverband Domowina (Heimat) in Bautzen. Andererseits aber würden immer mehr Schulen wie die in Crostwitz geschlossen. "Diese Maßnahme der sächsischen Regierung ist ein Schlag gegen das sorbische Volk", kritisiert der Domowina-Vorsitzende Jan Nuck.

Für die Sorben ist es ein Unding, dass die Dresdner Landesregierung in der Schulpolitik die selben Hürden aufstellt wie für deutsche Schulen. Man wolle keinen Luxus, versichert Nuck. Minderheitenpolitik verlange nun aber einmal andere Maßstäbe. Scharfe Kritik kommt auch von der Opposition. Die SPD wirft der Dresdner CDU-Regierung eine desolate Minderheitenpolitik vor, die PDS spricht sogar von Verfassungsbruch. Das Kultusministerium weist die Vorwürfe zurück. Grund für die Entscheidung seien rückläufige Schülerzahlen, sagt Ministeriumssprecher Steffen Große. Mit nur 17 Schülern ist das fünfte Schuljahr nach Ansicht des Ministeriums nicht länger zu halten. Nötig wären mindestens zwei Klassen mit jeweils 20 Schülern, heißt es. Er hoffe, dass die Eltern einlenkten, sagt Große.

Die betroffenen Eltern denken indes nicht an ein Ende ihrer Aktion. "Wir machen solange weiter, bis das Kultusministerium die Entscheidung zurückzieht", sagt Elternsprecher Dirk Hentschel. Auch die reaktivierten Pädagogen, die den Ersatz-Unterricht geben, betonen ihre Entschlossenheit: "Wir haben Ausdauer", verkündet der pensionierte Mathematiklehrer Jan Knebel. Der 60-Jährige spricht von einem ganz normalen Unterricht nach Lehrplan. Von Normalität kann jedoch keine Rede sein. Wenn die Eltern mit ihren Kindern kurz nach sieben Uhr den Schulhof betreten, werden sie neuerdings von zahlreichen Sympathisanten mit Beifall begrüßt. Die sorbischen Geistlichen haben am Sonntag in ihren Predigten dazu aufgerufen, den Schulprotest zu unterstützen. (rtr)

31.08.2001

Streit über eine sorbische Mittelschule in Sachsen eskaliert


Crostwitzer Fünftklässler dürfen Gebäude nicht mehr betreten / Kultusminister verweist auf Unterricht in Nachbardörfern

Von Bernhard Honnigfort

Ein Streit über 17 Schüler in dem ostsächsischen Dorf Crostwitz hat sich zu einer Machtprobe zwischen dem Dresdner Kultusministerium und der Domowina, dem Dachverband der Sorben, verschärft.

DRESDEN, 30. August. "Die Angelegenheit ist verfahren", sagt der SPD-Landtagsabgeordnete Gunther Hatzsch. Der Streit, der seit Wochen die Landespolitik in Sachsen beschäftigt, dreht sich um die sorbische Mittelschule in Crostwitz. Dort fehlen Kinder für die Einrichtung von zwei fünften Klassen, wie es das Schulgesetz vorschreibt. Statt der erforderlichen 40 Kinder sind es nur 17. Das Kultusministerium schlägt deshalb vor, dass die Kinder zu einer Mittelschule in einem Nachbardorf gehen. 1,5 Kilometer entfernt liegt Räckelwitz, ebenfalls mit sorbischer Mittelschule, vier Kilometer entfernt liegt Panschwitz-Kuckau.

Doch die Eltern und der Bund der Sorben revoltieren. Sie fürchten, dass das Land Sachsen die Schule in Crostwitz ganz schließen könnte. Außerdem leide die Identität der Minderheit, wenn die Kinder auf eine Mittelschule gingen, in der nicht nur Sorbisch, sondern auch Deutsch gesprochen werde wie in Räckelwitz. Deshalb lassen die Eltern ihre Kinder seit Beginn des Schuljahres in Crostwitz von pensionierten Lehrern unterrichten.

Am Donnerstagmorgen verwehrten jedoch Mitarbeiter des Regionalschulamtes Bautzen den Fünftklässlern den Zugang zur Schule, wie die Nachrichtenagentur ap berichtete. Auf Initiative des Crostwitzer Bürgermeisters wurde der Unterricht in eine Mehrzweckhalle verlegt. Für den heutigen Freitag hat die Domowina zum Schulstreik im Sorbengebiet aufgerufen.

Die PDS unterstützt den "Aufstand der Sorben". Die Gemeinde Crostwitz zog zwei Mal gegen die Klassen-Schließung vor Gericht und verlor. Der Minderheitenschutz sei gewährleistet; eine vergleichbare Schule liege in "zumutbarer Entfernung", verkündeten die Richter. Kultusminister Matthias Rößler (CDU) drohte, die Schüler müssten das Schuljahr wiederholen, wenn sie nicht schleunigst in den regulären Unterricht zurückkehrten.

Nach Angaben des Kultusministeriums wurde in den sorbischen Dörfern bislang trotz drastisch rückläufiger Schülerzahlen noch keine Schule geschlossen. Aber jetzt gehe es nicht mehr, hieß es in Dresden. In dem ostsächsischen Gemeindeverband gebe es vier Mittelschulen für 50 Schüler pro Jahr. Ein solcher Aufwand sei nicht mehr zu rechtfertigen.