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17.08.2001

Ohne Schule stirbt die Sprache
Im Kampf um Unterricht an der sorbischen Mittelschule Crostwitz bleibt Sachsens Kultusminister hart

Noch vor der Sondersitzung des Landtagsausschusses für Schule und Sport am Donnerstag vormittag ließen die Eltern der Crostwitzer Kinder die Medien noch einmal ihre Entschlossenheit wissen. Der provisorische Unterricht für die fünfte Klasse an der Mittelschule werde fortgesetzt, bis es zu einer positiven Entscheidung zum Erhalt der Schule kommt. Seit Schulbeginn am 9. August setzen sich Eltern, Lehrer, der Ortspfarrer und die tausend Einwohner der sorbischen Gemeinde Crostwitz damit über einen Beschluß des Regionalschulamtes und des Kultusministeriums hinweg. Statt der geforderten Mindestzahl von 20 Schülern pro Klasse fanden sich nur 17, weshalb die fünfte Klasse an der Crostwitzer Schule auslaufen sollte. Die Kinder wurden aufgefordert, die Mittelschule im benachbarten Räckelwitz zu besuchen.

Nach Verhandlungen sorbischer Bürgermeister und der Sorbenvertretung Domowina mit der Kamenzer Landrätin Andrea Fischer und Kultusminister Matthias Rößler (beide CDU) hatten die Eltern am Mittwoch Hoffnung geschöpft. Die ergebnislose Schulausschußsitzung gestern rechtfertigt das nicht. Eine Abstimmung über einen PDS-Antrag zur nachträglichen Zulassung der 5. Klasse wurde von der CDU- Mehrheit schlicht verweigert.

Im Falle der sechs sorbischsprachigen Mittelschulen kulminiert das Problem der Schulnetzplanung in Sachsen auf besonders augenfällige Weise. Der Geburtenrückgang hat auch vor dem kleinen slawischen Volk nicht halt gemacht, die Schülerzahlen sinken. Folgte das Kultusministerium starr den Vorgaben des Landesentwicklungsplanes für Klassen-Mindestgrößen, wäre ein auf lange Sicht unverantwortlicher Konzentrations- und Ausdünnungsprozeß der Schulen besonders im ländlichen Raum unvermeidlich.

Diese streng fiskalisch bestimmte Linie hat das Ministerium bislang stets mit dem Argument der Qualitätssicherung zu rechtfertigen gewußt. So sollten Mittelschulen mindestens zweizügig geführt werden, um eine Mindestbreite an Profilangeboten und einen Haupt- und Realschulgang zu sichern. Nur zögernd sind bislang Ausnahmen kleinerer Schulklassen genehmigt worden. So haben sorbische Schulen oft nur eine Klasse pro Jahrgang. Ausgerechnet in einer der beiden auch umgangssprachlich sorbischen Mittelschulen des engeren sorbischen Siedlungsgebietes aber blieb das Ministerium bislang unversöhnlich hart, als sich auch für die eine fünfte Klasse nicht genügend Schüler fanden. Im Frühjahr antwortete es auf eine besorgte Anfrage der regierungstragenden CDU- Landtagsfraktion: "Die Fortführung aller sorbischen Mittelschulen ist ... nicht möglich". Kultusminister Rößler verwies darauf, daß pro Jahrgang nur noch etwa 50 Schüler im sorbischen Kerngebiet registriert würden.

Erst vor wenigen Tagen hatte auch der Sorbe und CDU- Landtagsabgeordnete Marko Schiemann auf die sich damit abzeichnende Kollision mit dem in der Landesverfassung verankerten Minderheitenschutz hingewiesen. Völlig unstrittig ist auch im Kultusministerium, daß die Pflege der bedrohten sorbischen Sprache entscheidend über die Schulbildung gesichert wird. Während die regierende CDU einerseits zwar das sprachfördernde WITAJ-Projekt des sorbischen Schulvereins für Kindergärten unterstützt, blieb sie in der Schulfrage hart.

Seit Monaten macht deshalb der sorbische Schulstreit Schlagzeilen in Sachsen. Im April lehnte der Petitionsausschuß des Landtages mit CDU-Mehrheit die Bitte von 2 000 Unterzeichnern zum Erhalt der Crostwitzer Mittelschule ab. Etwa zur gleichen Zeit besuchten auf Einladung der PDS-Landtagsfraktion tschechische Parlamentarier verschiedener Parteien das Sorbengebiet und warnten anschließend vor einer Verletzung der Menschenrechte. Ende Juli scheiterten allerdings die Crostwitzer vor dem Verwaltungsgericht Dresden, als sie Rechtsschutz gegen die drohende Schließung erwirken wollten. Mit dem Ende der Sommerferien eskalierte dann der Konflikt, für dessen Schlichtung die frommen Sorben neben ihrem aktiven Widerstand auch täglich singen und beten. Der katholische Bischof Joachim Reinelt führte am Mittwoch zunächst erfolglose Vermittlungsgespräche. Auffällig ist das enorme Engagement der PDS in dieser Sache, namentlich ihres sorbischen Abgeordneten Heiko Kosel. Auch der frühere SED-Bezirksvorsitzende und heutige PDS-Europaabgeordnete Hans Modrow hatte vor einem "schlechten Zeichen für Europa" gewarnt.

Seit Jahren ist die richtige Antwort der Schulnetzplanung auf den Geburtenrückgang beherrschendes Schulthema nicht nur in Sachsen. Mit einer flexiblen und innovativen Politik der Staatsregierung hätte sich der exemplarische Crostwitzer Eklat vermeiden lassen. Ein Volksantrag gegen Schulschließungen hat soeben die erforderlichen 40 000 Unterschriften für einen Gesetzentwurf erreicht. Vorgesehen sind hier kleinere Klassen, Schulverbünde und kurze Schulwege. Damit wäre eine freilich etwas teurere generelle Lösung des Problems in Sachsen in Sicht.

Michael Bartsch

27.08.2001

Leserbriefe
Ohne Sprache stirbt das Volk

Zu jW vom 17. August: "Ohne Schule stirbt die Sprache"


Interessiert habe ich - selbst sorbischer Abstammung - Ihre Berichterstattung zur geplanten Schließung der sorbischen Mittelschule in Crostwitz verfolgt. Die Überschrift eines Ihrer Artikel lautet: Ohne Schule stirbt die Sprache. Ohne Pathos möchte ich ergänzen: Ohne Sprache stirbt das Volk. Ich habe den Eindruck, daß man das kleine slawische Volk in der Bundesrepublik als Fremdkörper empfindet und sich lieber heute als morgen dieser ungeliebten Minderheit durch verschiedenste Maßnahmen (s.a. Dorfzerstörung durch Braunkohlentagebau) entledigen will.

Helga Dziuk, Buchholz

28.08.2001
Lausitzer Sorben rufen zum Schulsteik

Nationale Minderheit versucht, Klasse in Mittelschule zu erhalten

Der Streit zwischen dem sächsischen Kultusminsterium und dem Bund Lausitzer Sorben (Domowina) um den Erhalt von sorbischen Schulen spitzt sich zu. Wie der Vorsitzende der Domowina, Jan Nuck, am Montag mitteilte, hat seine Organisation alle Schüler an den insgesamt sechs Grund- und Mittelschulen sowie einem sorbischen Gymnasium für Freitag zum Streik aufgerufen.

An diesem Tage sollen die Kinder und Jugendlichen den ersten beiden Unterrichtsstunden fernbleiben und statt dessen auf dem Schulhof mit Studenten über die Zukunft der sorbischsprachigen Bildungseinrichtungen diskutieren. Betroffen seien 1 500 Schüler in den beiden Landkreisen Kamenz und Bautzen, so Nuck.

Der Konflikt zwischen der slawischen Minderheit und dem Kultusministerium wurde durch die Ankündigung von Kultusminister Matthias Rößler (CDU) ausgelöst, mit Beginn des Schuljahres 2001/2002 Anfang August in der sorbischen Mittelschule in Crostwitz (Landkreis Kamenz) keine neue fünfte Klasse mehr einzurichten. Das hatte den Widerstand der Eltern der betroffenen 17 Schülerinnen und Schüler ausgelöst. Angesichts von sinkenden Schülerzahlen hatte das Ministerium den Eltern empfohlen, ihre Kinder auf andere, nur wenige Kilometer entfernt liegende Mittelschulen zu schicken. Die Crostwitzer Eltern befürchten jedoch mit diesem Schritt wegen fehlenden Nachwuchses ein langsames Aussterben ihrer Schule und haben ihre Kinder deshalb nicht an einen der alternativ angebotenen Nachbarstandorte geschickt. Nuck betonte, daß die 17 Schüler jetzt schon seit fast drei Wochen die sorbische Mittelschule in Crostwitz besuchen und dort von pensionierten Lehrern unterrichtet werden.
(AP/jW)

30.08.2001

Warum Generalstreik an sorbischen Schulen?

jW sprach mit Manuela Schmole von der Crostwitzer Schulinitiative, die für Freitag zum Generalstreik aufgerufen hat

F: Nach den Verwaltungsgerichtsentscheidungen gegen den Erhalt der 5. Klasse der sorbischen Mittelschule in Crostwitz und der Erklärung des sächsischen Kultusministers Matthias Rößler, es werde keine politische Sonderregelung geben, wurde für Freitag der Generalstreik an allen sorbischen Schulen angekündigt. Was soll passieren?

Grundsätzlich: Wir wollen keine Sonderregelungen, denn das weckt den Eindruck von Privilegierung. Wir wollen nichts anderes, als unseren Bedingungen als Minderheit entsprechende Regelungen für das sorbische Schulwesen. Das Projizieren von Mehrheitsverhältnissen auf eine nationale Minderheit ist keine Nationalitätenpolitik. Der für Freitag ausgerufene Generalstreik an allen sorbischen Grund- und Mittelschulen sowie am sorbischen Gymnasium soll unterstreichen, daß es nicht nur um den Erhalt des Schulstandortes Crostwitz geht, sondern um ein Gesamtschulnetz im deutsch-sorbischen Siedlungsgebiet, das auf den Bestimmungen des Minderheitenschutzes basiert. Die Kinder werden am Freitag wie gewohnt zur Schule gehen und mit Erlaubnis der Eltern am Streik teilnehmen. Studenten erläutern auf dem Schulhof das Anliegen des Streiks, und es soll auch ein "Geschenk" für Kultusminister Matthias Rößler gebastelt werden.

F: Inzwischen redet man vom Crostwitzer Aufstand, Plaketten mit den sorbischen Nationalfarben Blau-Rot-Weiß und der Aufschrift "Crostwitzer Revolte 2001" werden verteilt. Der Kultusminister hingegen scheint unbeeindruckt und behauptet, es gäbe in Sachsen "100 Fälle wie den in Crostwitz".

In Crostwitz ging es von Anfang an nicht nur um Bildungs-, sondern vor allem um Minderheitenpolitik. Deshalb würden wir auch gegen die Schließung jeder anderen sorbischen Schule protestieren. Denn die Schulen sind wie die Knoten eines Netzes, das unser Siedlungsgebiet, in dem die sorbische Sprache täglich in der Öffentlichkeit präsent ist, zusammenhält. Zerreißt man einen Knoten, wird das Netz instabil, zerreißt man zwei, zerfällt es. Herr Rößler sollte begreifen, daß die Schulen bei uns nicht nur Bildungsfunktion, sondern auch ausgleichende Funktion haben gegenüber dem ständigen Druck der Assimilation. Sie sind entscheidend für die Herausbildung der sorbischen Identität bei Kindern und Jugendlichen, denn die Schule ist eine öffentliche Institution, in der man ganz selbstverständlich sorbisch spricht. Das ist wichtig, denn es gibt kein Jugendfernsehen, kein Kino und keine Jugendzeitschrift in sorbischer Sprache. Es geht um eine offensive Förderung der sorbischen Kultur und nicht um Duldung. Es geht um den Erhalt des sorbischen Volkes. Deshalb auch der "Aufstand" eines ganzen Volkes als Hilfeschrei in die Welt.

F: Dennoch ist Crostwitz auch Symbol für die zahlreichen geplanten und bereits vollzogenen Schulschließungen in Sachsen, gegen die gerade der Volksantrag "Zukunft braucht Schule" abgeschlossen und dem Landtagspräsidenten übergeben wurde. Gibt es landesweite Resonanz?

Vor der Übergabe des Volksantrages an den Landtagspräsidenten kamen die Vertrauenspersonen des Antrages nach Crostwitz, um ihre Solidarität zu bekunden. Überhaupt bekommen wir inzwischen Briefe und Unterstützung aus ganz Sachsen, Deutschland und sogar anderen Ländern. Mit einem offenen Brief haben wir Eltern überall in Sachsen aufgefordert, sich am Generalstreik zu beteiligen, weil dies die Chance ist, eine radikale Wende in der sächsischen Schulpolitik einzufordern, gerade auch für kleine Schulen, egal ob im Erzgebirge, im Leipziger Land, im Vogtland oder in der zweisprachigen Lausitz. Der Generalstreik wird aber nicht die letzte Aktion sein. Bereits für den 13. September planen wir eine Demonstration vor dem sächsischen Landtag, wenn die Abgeordneten zu ihrer ersten Sitzung nach der Sommerpause zusammenkommen.

Interview: Annett Bartl

25.09.2001

Lausitz: Der Schulstreit geht weiter. Stimmen die Sorben jetzt ein Kampflied an?
Heiko Kosel ist Sorbe und in der sächsischen PDS-Landtagsfraktion > zuständig für Europa- und Minderheitenpolitik. jW sprach mit ihm


F: Nach Kanzler Gerhard Schröder sagte nun auch Bundesinnenminister Otto Schily seinen Besuch im sorbischen Siedlungsgebiet ab. Drücken sich Bundespolitiker vor den Fragen der Sorben?

Schon während seiner Ost-Tour wollten wir den Kanzler auf die Wende in der Minderheitenpolitik Sachsens aufmerksam machen, die sich an der Schließung der sorbischen Mittelschule abzeichnet. Der Kanzler aber meinte, das sei Ländersache und beim sächsischen Ministerpräsidenten gut aufgehoben. Das war sein Irrtum. Und auch Minister Schily irrt, wenn er meint, ohne Gesichtsverlust die Treffen mit Sorben nach Belieben absagen zu können. Deutschland ist durch den Crostwitzer Schulstreit außenpolitisch in Schwierigkeiten geraten. Von Herrn Schily hätten wir ein klares Wort dazu erwartet, daß sich Minderheitenpolitik in Deutschland nicht außerhalb der europäischen Richtwerte bewegen kann.

F: Der Crostwitzer Schulstreit hat inzwischen auch jenseits der Landesgrenzen für Aufmersamkeit gesorgt. Wie reagiert das Ausland?

Es gibt Sympathiebekundungen für die Sorben. Die Liste der Absender liest sich wie ein slawisches "Who is who". Das erste Mal seit mehr als 50 Jahren hat eine sorbische Angelegenheit ausgesprochen außenpolitische Dimensionen erhalten. Selbst aus nicht-slawischen Ländern wie Japan und England gab es Reaktionen.

Auch die offizielle Politik im Ausland beschäftigt sich mit der Crostwitzer Schulschließung. Wiederholt kam sie im tschechischen Parlament zur Sprache. Das Kabinett in Prag hat nach einer Beratung vorerst 10 000 DM für die sorbische Kultur und Sprache zur Verfügung und Hilfe durch den deutsch-tschechischen Zukunftsfonds in Aussicht gestellt. Spontan sammeln tschechische Bürgerinitiativen Unterschriften und Geld für sorbische Schulen.

Auch im außenpolitischen Ausschuß der zweiten Kammer des polnischen Parlaments wurde die sorbische Frage erörtert, und die Vertreter der Kärntner Slowenen, die am eigenen Leibe die Minderheitenpolitik eines Landeshauptmanns Jörg Haider verspüren, erklärten sich solidarisch. Der Vorsitzende des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten der russischen Staatsduma, Dmitri Rogosin, kritisierte das Verhalten Deutschlands und sicherte den Sorben neben politischer auch finanzielle Unterstützung zu. Das sollte deutschen Politikern die Schamröte ins Gesicht treiben.

F: Organisieren die Sorben ihren Widerstand nun übers Ausland?

Sowohl als auch. Die Unterstützung durch das Ausland wäre nicht wirksam ohne den innenpolitischen Druck. Vor dem Hintergrund des Volksantrages "Schule braucht Zukunft", hatte Crostwitz gesamtsächsische Resonanz. Auch wenn der Schulstreik durch den Druck des Kultusministeriums, der soweit reichte, den Eltern je Kind ein Bußgeld von 2 500 Mark und den Schülern die Wiederholung der 5. Klasse anzudrohen, vorerst ausgesetzt wurde, so ist die letzte Strophe des Kampfliedes noch nicht gesungen. Wie bekannt, singen die Sorben sehr ausdauernd.

Interview: Annett Bartl