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Eine Springflut im sorbischen Helgoland


In Crostwitz soll die sorbische Mittelschule geschlossen werden Eltern und Politiker gehen aus Protest auf die Malergerüste / Ein Anwalt sieht die Menschenrechte verletzt 

 
Von Hendrik Lasch  

Trotz ungewisser Zukunft wird die Schule unverdrossen renoviert
Foto: Privat

 

Für fünf Minuten kann der Bürgermeister auf dem Schulhof vorbeischauen. Dann muss er zum Rechtsanwalt. Der Denkmalschutz hat ihm einen Brief geschrieben und den neuen Anstrich der Schule moniert. Strafandrohung: eine Viertelmillion. »Die versuchen es mit allen Mitteln«, sagt Jana Markowa.

Seit zwei Wochen tüncht sie mit anderen Eltern, Dorfbewohnern und Freiwilligen die Schule von Crostwitz, in der ihre Älteste die Schulbank drückt. Drei Wände des fast 100-jährigen Baus strahlen frisch und eierschalenfarben, der Schriftzug »Serbska šula« und das sorbische Lindenblatt glänzen in den Nationalfarben blau-weiß-rot. Ebenso lange mosern die Behörden. Als die Eltern um Spenden für die neue Farbe baten, wurde gefragt, ob sie überhaupt sammeln dürfen. Als Firmen einzelne Arbeiter zum Pinseln abstellten, wurde mit der Gewerbeaufsicht gedroht. Nun also der Denkmalschutz.

Widerstand mit dem Malerpinsel

Immerhin hat man in den Amtsstuben das Zeichen verstanden. Denn der Malereinsatz ist eine Form des Widerstands. Jahrzehntelang stand das zweistöckige Hauptgebäude der Schule grau und unansehnlich am Ortseingang des Dörfchens Crostwitz, das sich zwischen wogende Kornfelder und gewundene Alleestraßen in das Hügelland bei Bautzen duckt. Dafür tobten Kinder über den kleinen Schulhof. Jetzt droht das Haus nach und nach zu veröden. Wenn Anfang August das Schuljahr beginnt, soll es erstmals keine neue 5.Klasse mehr geben. In einem Bescheid vom 16.März an die Gemeinde hat das Kultusministerium festgestellt, dass nur neue 17 Schüler kommen würden. Im Jahr darauf sollen es sogar nur acht sein. Es bestehe daher kein »öffentliches Bedürfnis« mehr, konstatierten die Beamten und strichen die Zuschüsse.

Solche Briefe hat das Ministerium zu Dutzenden in alle Ecken des Freistaats verschickt. Hier allerdings liegen die Dinge anders. Crostwitz ist ein durch und durch sorbisches Dorf, in dem Besuchern mit der gleichen Selbstverständlichkeit ein »Budz chwalen Jezus Chrystus!« zugerufen wird, mit der sie in Bayern ein »Grüß Gott!« zu hören bekämen. Während sich der Gebrauch des Sorbischen andernorts auf die Gespräche älterer Mütterchen beschränkt, bestimmt sie in Crostwitz den Alltag. Jana Markowa, die selbst mit der Sprache aufwuchs, ist hierher zurück gezogen, weil sie ihren Kindern zeigen will, »dass Sorbisch nicht nur eine Küchentischsprache ist.« Und wo, fragt sie, ließe sich das besser erleben als in einer Schule, in der die Sprache auch in den Pausen gesprochen wird?!

Die Einsicht teilt man auch im Dresdner Kultusministerium. Schulen, in denen die Umgangssprache Sorbisch ist, hätten »gleichsam als institutionelle Sprachräume maßgeblichen Einfluss auf die Motivation zum Gebrauch der sorbischen Sprache«, schreibt Ressortchef Matthias Rößler (CDU). Gleichwohl hält er angesichts sinkender Schülerzahlen am Schließungsbeschluss fest und verweist auf Schulen in den Nachbarorten. Dort, sagen Kritiker, ist Sorbisch aber lediglich Unterrichtssprache, die zudem nur für einen Teil der Schüler gelehrt wird. Außerhalb der Klassenzimmer wird auch in den meisten der je sechs sorbischen Grund- und Mittelschulen und zwei Gymnasien, die es für die 60000 Angehörigen der Minderheit gibt, deutsch gesprochen. Tatsächlich sei die Crostwitzer Schule »eine von nur zwei wirklich sorbischen Schulen in der ganzen Welt« sagt Clemens Hrjehor, der katholische Pfarrer des Ortes. Für ihn geht es um eine existenzielle Entscheidung: »Wenn ich Politiker wäre und die sorbische Sprache weghaben wollte«, wettert der Pfarrer, »was würde ich dann tun? Die Schule schließen.«

Das sieht Božena Pawlicek ähnlich, auch wenn sie Lyrik statt heiligen Furor ins Feld führt. In Gedichten sorbischer Dichter aus dem 19.Jahrhundert sei die Heimat der slawischen Minderheit mit der Insel Helgoland verglichen worden, die permanent von Stürmen umtost wurde. Ähnlich erging es den Sorben, auf deren kulturelle Unterdrückung damals sogar staatliche Prämien ausgesetzt wurden. Heute sei in der Lausitz nur mehr eine »sorbische Sandbank« übrig geblieben, sagt Pawlicek. Ihre derzeitige Tätigkeit beschreibt sie daher als Küstenschutz: Sie betreut ein Projekt namens »Witaj«, zu deutsch »Willkommen«, mit dem Kinder bereits im Kindergarten mit der Sprache vertraut gemacht werden.

Genug Gründe für politische Sorgfalt

Das vom Sorbischen Schulverein getragene Unternehmen will vor allem in den Randgebieten des sorbischen Siedlungsgebietes einen »schützenden Gürtel« etablieren. Das Kultusministerium unterstützt das Vorhaben und verspricht, in den Grundschulen nahtlos anzuknüpfen. Doch um das Sorbische als gleichwertige Sprache zu vermitteln, müsse es auch für komplizierte Probleme etwa im Physikunterricht der höheren Klassen angewendet werden, argumentiert Pawlicek. Die Schulschließung würde für das »sorbische Helgoland« wie eine Springflut wirken.

Dass dem so ist, könne das sächsische Kultusministerium von der DDR lernen, sagt Edmund Pjech, Historiker am Sorbischen Institut in Bautzen. Deren Minderheitenpolitik war zunächst so erfolgreich, dass selbst viele streng katholische Sorben in die SED eintraten. In den 60er und 70er Jahren allerdings begann man schon einmal, Schulen zusammenzulegen. Pjech hat untersucht, was das für den alltäglichen Sprachgebrauch bedeutete. Sein Schluss: »Zentralisierung hat sich immer negativ ausgewirkt.« In Pjechs Heimatdorf, dem damals die eigene Schule genommen wurde, wird heute praktisch nicht mehr sorbisch gesprochen. Daneben sieht der Historiker Pjech allerdings auch handfeste politische Gründe für eine besondere Sorgfalt gegenüber sorbischen Schulen. In der Zeit des Nationalsozialismus sei die Minderheit massiv unterdrückt worden: Lehrer wurden vertrieben, der Gebrauch der Sprache bestraft. Daraus, sagt er, »ergibt sich heute eine besondere Verpflichtung des deutschen gegenüber dem sorbischen Volk«.

Eigene Kultur als Teil der Menschenrechte

Dabei können sich die Sorben auf grundlegende sächsische Gesetze berufen. In Paragraf 6 der Verfassung wird der Minderheit garantiert, dass das Land »das Recht auf Bewahrung ihrer Identität sowie auf Pflege und Entwicklung ihrer angestammten Sprache, Kultur und Überlieferung« gewährleistet und schützt – und zwar »insbesondere durch Schulen«.

Rechtsanwalt Wilfried Schachten vertritt Crostwitz bei einer Klage, mit der per Eilantrag durchgesetzt werden soll, dass Anfang August doch noch eine 5.Klasse eingerichtet werden kann. Der gebürtige Schwarzwälder, der seine beiden Töchter in Bautzen ebenfalls zweisprachig unterrichten lässt, blättert in dem dicken roten Band sächsischer Gesetze: In der Präambel des Sorbengesetzes heißt es über den Schutz und die Pflege der sorbischen Kultur, diese sei kein Privileg, sondern Teil der universellen Menschen- und Freiheitsrechte. »Gemessen daran«, bestätigt Schachten, »werden in Crostwitz Menschenrechte verletzt.«

Derlei Formulierungen verwenden die tschechischen und polnischen Parlamentarier, die den Crostwitzer Eltern unlängst beim Tünchen der Schulmauern halfen, nicht. Allerdings werde die Entwicklung in den Nachbarländern aufmerksam registriert, berichtet der PDS-Landtagsabgeordnete Heiko Kosel. Mehrfach habe es im tschechischen Parlament Anfragen an den Außenminister über die sorbischen Schulen gegeben. Kosel mahnt die deutsche Politik, nicht mit zweierlei Maß zu messen – schließlich sei mit den Kopenhagener Beschlüssen der Umgang mit nationalen Minderheiten zum Kriterium für einen EU-Beitritt erhoben worden. In einer Landtagsdebatte sprach Kosel von einem »europäischen Skandal«. Peinliche Notiz im Protokoll: »Lachen bei der CDU«.

Das neue Schuljahr beginnt in Sachsen am 6.August. Wenn das Verwaltungsgericht den Bescheid des Kultusministeriums bis dahin nicht außer Kraft setzt, beginnt dann das schleichende Ende der sorbischen Mittelschule in Crostwitz. Gebaut wird derzeit an einem anderen Haus. Es ist ein Altersheim. Pfarrer Hrjehor hebt die Hände und lächelt bitter: »Ist das nicht ein trauriges Symbol?«

(ND 19.07.01)

Sorben:   Schleichendes Schulsterben?
Knapp 1000 bei Protesten gegen sächsische Minderheitenpolitik 

 
Von Hendrik Lasch, Crostwitz 
 
Die schrittweise Schließung einer sorbischen Schule stößt weiter auf den Widerstand von Eltern und Schülern und ruft scharfe Kritik an der sächsischen Minderheitenpolitik hervor.

Wenn deutsche Politiker nach Osteuropa reisen«, sagt der Liedermacher Bernd Pittkunings, »dann fordern sie stets Respekt für die deutschen Minderheiten. Ich vermisse den gleichen Respekt hierzulande«, ruft der Musiker den sächsischen Regierungsvertretern zu – und erhält tosenden Applaus. Die verstimmte Gitarre ist glatt verziehen.

Fast 1000 Menschen waren am Mittwoch nach Crostwitz gekommen, um in dem sorbischen Dorf gegen die schleichende Schließung der Mittelschule zu protestieren – einer von nur zwei Schulen in der BRD, an denen Sorbisch auch als Umgangssprache gebraucht wird. Mit dem gestrigen Schuljahresbeginn sollte auf Betreiben des sächsischen Kultusministeriums jedoch aus pädagogischen und finanziellen Gründen erstmals keine fünfte Klasse mehr eingerichtet werden. Mit 17 angemeldeten Schülern werden die Vorgaben des Ministeriums nicht erreicht.

In Schweizer Bergdörfern gebe es viel kleinere Schulklassen, »und die Qualität ist trotzdem hoch«, entgegnet der katholische Pfarrer von Radibor, Stephan Delau. Er warf der CDU-Regierung vor, nichts aus den Erfahrungen der DDR gelernt zu haben. Wenn die 17 Kinder jetzt in die größere Schule eines Nachbarortes geschickt würden, sei dies die Anwendung des Kombinatsgedankens auf das Bildungssystem. Ein Transparent wurde deutlicher: »Was die andern nicht geschafft, verwirklicht Ihr mit ganzer Kraft.«

Die rein quantitative Denkweise des Kultusministeriums, der zu Schuljahresbeginn 86 Schulen im ganzen Freistaat zum Opfer fallen, stößt auch andernorts auf Widerstand, wie bislang 40000 Unterschriften für einen Volksantrag gegen Schulschließungen belegen. Der Crostwitzer Schule kommt aber zusätzlich auch eine große Bedeutung für die Bewahrung sorbischer Identität zu. Die vom Kultusministerium geforderte »qualifizierte Zweisprachigkeit« sei in Crostwitz der Normalfall, sagt Dietrich Scholze, Direktor des Sorbischen Instituts: »Warum wird dann das Normale beseitigt?« Der Minderheit würden Hürden vorgesetzt, die selbst für die deutsche Mehrheitsbevölkerung kaum zu überwinden seien, kritisiert die Domowina.

Für diese Politik gerät die sächsische Staatsregierung immer stärker in die Kritik. In Crostwitz finde der »staatlich geförderte Auftakt für das schleichende Sterben einer Minderheitensprache« statt, so Tilman Zülch, Vorsitzender der Gesellschaft für bedrohte Völker. Der sächsische PDS-Fraktionsvorsitzende Peter Porsch konstatiert einen »deutschen Offenbarungseid gegenüber den Interessen des sorbischen Volkes«. Er bezeichnete die Zweisprachigkeit in der Lausitz und die damit ermöglichte Brücke zu den slawischen Nachbarn als »wichtiges Qualitätsmerkmal« von Sachsen, dessen Wert in Zahlen nicht auszudrücken sei.

Kultusminister Matthias Rößler dagegen beharrte auf dem Standpunkt, dass angesichts von 40 bis 50 Mittelschülern pro Jahrgang im sorbischen Kerngebiet nicht alle derzeitigen Schulstandorte zu halten seien. Rößler sieht seine Position durch ein Urteil des Dresdner Verwaltungsgerichts abgesichert, dass einen Eilantrag von Crostwitzer Eltern abgelehnt hatte. Zwar lasse sich aus der sächsischen Verfassung »möglicherweise ein Anspruch« auf die Einrichtung sorbischer Schulen ableiten, heißt es dort, Anspruch auf »dauerhaften Erhalt« einer einzelnen Schule bestehe aber nicht.Auch eine Petition im Landtag wurde mit CDU-Mehrheit abgelehnt.

Die Eltern wollen indes weiter klagen und lassen sich ihre Protest auch nicht durch diffamierende Äußerungen des CDU-Landtagsabgeordneten Marko Schiemann madig machen. Der hatte im Hinblick auf die Kritik der PDS der »gut-katholischen Gemeinde« vorgeworfen »mit Kommunisten« gemeinsame Sache zu machen. Der Unterricht der 17 Fünftklässler in Crostwitz fand am ersten Schultag statt – trotz bereits einigen Eltern zugegangener Bußgeldbescheide wegen Schulschwänzerei und der Androhung beruflicher Konsequenzen gegenüber einer der Mütter, die selbst Lehrerin ist.

(ND 10.08.01)

Sachsen:   Eine sorbische Gemeinde probt den Aufstand
Fünftklässler halten Mittelschule Crostwitz nach wie vor besetzt 

 
Von Uwe Menschner 
 
Auf Antrag der PDS-Fraktion tritt heute der Schulausschuss des Sächsischen Landtags zu einer Sondersitzung zusammen. Thema: Der Streit um die Zukunft der sorbischen Schule in Crostwitz.

Sie dürften die derzeit wohl bekanntesten Fünftklässler Deutschlands sein: Die 17 Jungen und Mädchen, die seit vergangenem Donnerstag die Sorbische Mittelschule Crostwitz (Landkreis Kamenz) besuchen. Eigentlich haben sie in diesem Schulgebäude gar nichts verloren; offiziell sind sie im benachbarten Räckelwitz angemeldet. Dennoch gehen sie jeden Morgen in die Crostwitzer Schule, und ihr gemeinsamer Einmarsch wird von Tag zu Tag mehr zum Medienereignis. Am Montag und Dienstag war gar die ARD mit einem Kamerateam vor Ort, berichtete live im Frühstücksfernsehen.

Offiziell gibt es an der Crostwitzer Mittelschule nämlich gar keine fünfte Klasse. Das Sächsische Kultusministerium hat auf Grund zu geringer Schülerzahlen das gleitende Auslaufen der Einrichtung ab diesem Schuljahr beschlossen. Dass die Kinder dennoch hierher kommen, ist ein Zeichen des Protestes gegen die vorhersehbare Schulschließung. Mit ihr wird »die Axt an die Wurzeln der Sorbischen Kultur und Identität gelegt«, wie es in einer Stellungnahme der Domowina, des Bundes der Lausitzer Sorben, heißt. Die Jungen und Mädchen werden von pensionierten Lehrern nach den regulären Lehrplänen unterrichtet.

Das Regionalschulamt Bautzen als Aufsichtsbehörde hat bislang auf Zwangsmaßnahmen gegen die Crostwitzer Schüler verzichtet. Kultusminister Matthias Rößler erklärte sich bereit, mit der Interessenvertretung der Sorben über die Problematik zu reden. Allerdings stellte er die Bedingung, dass die Besetzung der Crostwitzer Schule durch die fünfte Klasse zuvor beendet wird. »Das werten wir als Erpressung«, weist der Domowina-Vorsitzende Jan Nuck das Ansinnen zurück. »Vielmehr hatten wir erwartet, dass die Entscheidung, keine fünfte Klasse zu bilden, zunächst ausgesetzt wird.«

Gleichzeitig zeichnet Nuck ein düsteres Bild von der Zukunft der einzigen slawischen Minderheit in Deutschland, falls die Entscheidung letztlich durchgesetzt wird. »Mit der Mittelschule Crostwitz würde ein wichtiges Bollwerk gegen den ohnehin immer stärker werdenden Assimilierungsdruck fallen«, sagte er am Dienstag auf einer Kundgebung vor der Schule.

Crostwitz ist eine von zwei Mittelschulen, an der in allen Fächern in sorbischer Sprache unterrichtet wird. In Räckelwitz ist das nicht der Fall. Insgesamt gibt es im Landkreis Kamenz vier sorbische Mittelschulen, die allesamt mit rückläufigen Schülerzahlen zu kämpfen haben. »Der Freistaat Sachsen hat hervorragende Gesetze zum Schutz der Sorben«, so Nuck, »nur leider versagen sie in der Praxis.« Wie lange der ungewöhnliche Protest in Crostwitz noch fortgesetzt und ob er sogar ausgeweitet wird, ist derzeit noch nicht abzusehen.

(ND 16.08.01)

Schulstreit:   Ziviler Ungehorsam als »Beweis für Existenz der Sorben«
Crostwitzer luden den Kanzler ein, der lehnte ab, nun fahren sie ihm hinterher 
 

Von Hendrik Lasch 
 
Per Brief hatten die Sorben den Bundeskanzler gebeten, bei seiner Sommertour an der bedrohten Crostwitzer Schule vorbeizuschauen. Schröder kam nicht. Also reisten die Sorben zu ihm.

Ostritz stand gestern am späten Nachmittag auf dem Reiseplan des Kanzlers. Sicher: Das 3200 Einwohner zählende Städtchen direkt an der polnischen Grenze zwischen Görlitz und Zittau ist immer einen Besuch wert. Spätestens seit der Expo ist bekannt, dass in der Modellstadt mustergültig sparsam mit Energie umgegangen wird. Historisch Interessierte können im Kloster St. Marienthal beschauliche Einkehr halten. Viele Sorben hätten den Bundeskanzler jedoch lieber 50 Kilometer weiter westlich gesehen. In dem kleinen Dorf Crostwitz läuft seit zwei Wochen eine bemerkenswert breite Protestaktion gegen die schleichende Schließung der Mittelschule. Doch der Kanzler, so die Antwort auf einen einladenden Brief, hat für Abweichungen vom Terminplan keine Zeit.

Aus Nachbarländern dringt Sorger herüber

Dabei hätte eine Visite in Crostwitz zum Thema der Schröderschen Sommerreise – Ostdeutschland und die EU-Osterweiterung – bestens gepasst. Denn bei der Schule handelt es sich um eine von nur vier sorbischen Mittelschulen in der Region und eine von zweien, an denen Sorbisch als Umgangssprache gepflegt wird. Dass jetzt ausgerechnet hier keine neue 5. Klasse eingerichtet werden soll, betrachtet nicht nur der Interessenverband Domowina als ernsthafte Gefahr für die Sprache und damit die Existenz der slawischen Minderheit. Auch aus den Nachbarländern wird zunehmend Sorge geäußert: »Die Deutschen und Europa und dessen Union brauchen die Sorben«, schreibt etwa der frühere tschechische Menschenrechtsbeauftragte Petr Uhl anlässlich der Protestaktion in der Tageszeitung »Pravo«.

Aus Uhls Sicht ist der »zivile Ungehorsam« der Crostwitzer Eltern ein »Beweis für die Existenz der Sorben als Volk«. Diese zu schützen, habe sich die Bundesrepublik verpflichtet, erinnert Uhl und verweist auf zwei EU-Dokumente: das Rahmenabkommen zum Schutz von Minderheitenrechten und die Charta zu Regional- und Minderheitensprachen. Uhl fordert die Prager Regierung auf, sich stärker als bisher für das slawische Nachbarvolk einzusetzen. Gelegenheit biete etwa das für gestern geplante Zusammentreffen Schröders mit dem tschechischen Außenminister Jan Kavan in Liberec. So könnte die Schließung der Crostwitzer Schule für den Kanzler zum Tagesthema wider Willen werden. Denn auch bei der Visite in Ostritz (gestern nach Redaktionsschluss) wurde Schröder wieder mit dem Thema konfrontiert. In zwei Bussen waren Vertreter der Sorben dem Kanzler hinterher gereist. Da es sich um ein Minderheitenproblem handle, sei auch der Bund gefragt, begründet der Domowina-Vorsitzende Jan Nuck. Um auf das Problem aufmerksam zu machen, wollte man dem Kanzler ein Sorbisch-Lehrbuch überreichen – sogar mit CD.

Modernes Konzept für Unterricht erarbeitet

Modern wie dieses Lehrbuch soll auch ein Schulkonzept sein, das ab heute abend an einem Runden Tisch ausgearbeitet werden und spätestens im Dezember vorliegen soll. Die Domowina, der sorbische Schulverein, Eltern, Bürgermeister und Pfarrer wollen in der Runde alle bislang vorliegenden Ideen zur Zukunft des sorbischen Schulnetzes prüfen. Die Einrichtung des Gremiums war letzten Freitag beschlossen worden. An diesem Tag hatte sich auch Kultusminister Matthias Rößler(CDU) erstmals mit Crostwitzer Elternvertretern getroffen. In Rößlers Zuständigkeit fällt der Beschluss, wegen der angeblich zu geringen Zahl von 17 neuen Schülern in Crostwitz keine 5. Klasse mehr einzurichten, sondern die Schüler ins fünf Kilometer entfernte Räckelwitz zu schicken. Die Eltern widersetzen sich aber und lassen ihre Kinder nun schon zehn Tage lang in Crostwitz von pensionierten Lehrern unterrichten.

PDS: Sondersitzung des Schulausschusses

Entscheidend für den weiteren Fortgang der Protestaktionen dürfte nun eine Entscheidung des Oberverwaltungsgerichtes Bautzen sein. Dieses will bis Freitag bekanntgeben, ob es einen Eilantrag der Eltern gegen die Schulschließung annimmt. Verhandelt werden soll er frühestens kommenden Mittwoch. In einer unteren Instanz waren die Eltern zuvor unterlegen. Auch im Landtag wird weiter über die Schule gestritten. Nachdem in einer von der PDS beantragten Sondersitzung des Schulausschusses ein Antrag auf rückwirkende Zulassung der 5. Klasse nicht abgestimmt wurde, setzte die SPD das Thema jetzt auf die Tagesordnung der nächsten Plenumssitzung Mitte September.

Der politische Druck auf die sächsischen Schulbehörden dürfte bis dahin weiter gewachsen sein. Schon jetzt verweist man bei der Domowina auf Solidaritätserklärungen aus ganz Europa – zuletzt von Ungarndeutschen, Kärntner Slowenen sowie Sinti und Roma. Vorerst letzte Meldung im Internet-Nachrichtenticker zum Crostwitzer Schulstreit: In der tschechischen Region Sluknov haben über 100 Bürger eine Petition unterzeichnet.

(ND 22.08.01)

Sachsen:   Sorbische Schulen bestreikt
Kultusministerium im Streit um 5. Klasse in Crostwitz unnachgiebig 
 

Von Hendrik Lasch 
 

Rund 1000 Kinder haben sich gestern im sorbischen Siedlungsgebiet an einem Streik beteiligt. Mit der größten Protestaktion in ihrer jüngeren Geschichte wehren sich die Sorben gegen die vom Kultusministerium Sachsens geplanten Einschnitte ins Schulnetz der Minderheit.

In der Nacht zu Freitag habe er kaum geschlafen, sagt Jan Nuck. Den Vorsitzenden der Domowina hielt die Aufregung vorm ersten Schulstreik im sorbischen Siedlungsgebiet wach. Gestern abend dürfte Nuck beruhigter zu Bett gegangen sein. An der als Generalstreik deklarierten Protestaktion zur Unterstützung für die von der schleichenden Schließung bedrohte Crostwitzer Mittelschule hätten sich rund 1000 Schüler beteiligt, schätzt der Chef des Dachvereins der Sorben: »Das war ein voller Erfolg.«

Zwei Stunden lang sollten die Kinder durch ein Tanz- und Musikprogramm unterhalten werden, statt dem planmäßigen Unterricht beizuwohnen. In Crostwitz, wo 17 Schüler einer von den Behörden nicht zugelassenen 5. Klasse von pensionierten Lehrern unterrichtet werden, fand wie an allen Schultagen seit Anfang August eine Kundgebung statt. Dabei wurde die Forderung bekräftigt, im Interesse des Minderheitenschutzes auch diesen Schulstandort zu erhalten. An den Schulen im Kern des sorbischen Gebietes hätten sich alle Schüler beteiligt, sagte Nuck. In zweisprachigen Schulen hätten vor allem deutsche Schüler die Aktion nicht in vollem Umfang unterstützt.

Die Behörden stellten das in den Vordergrund. Es sei »relativ ruhig« geblieben, sagte Hans-Ulrich Ihlenfeld vom Bautzener Regionalschulamt. Während sich an manchen Schulen »eine deutliche Mehrzahl« der Schüler beteiligt habe, seien es anderswo nur 25 Prozent gewesen: »Der Unterricht hat jedenfalls überall stattgefunden, auch wenn nicht immer alle Schüler anwesend waren.« Aus Amtssicht war die Aktion unzulässig. Ob Schüler und Eltern Konsequenzen zu gewärtigen hätten, entschieden jetzt die Schulleiter. Auf die gesetzlichen Konsequenzen wurden Eltern und Schüler in einem Informationsblatt hingewiesen. Dieses bezeichnete Nuck als »indirekte Erpressung«. Die Behörden versuchten, die im Protest »noch ungeübten« Sorben einzuschüchtern.

Generell bleiben die Fronten im Streit um die sorbische Schule verhärtet. Am Mittwoch hatten Vertreter des Regionalschulamtes erstmals die Crostwitzer Fünftklässler und ihre Eltern am Betreten der Schule gehindert. Die Kinder müssten nun »an den richtigen Schulen« in den Nachbarorten unterrichtet werden, begründete das Ihlenfeld. Das Vorgehen verpuffte jedoch: Der Bürgermeister des Ortes stellte Räume zur Verfügung.

Kultusminister Matthias Rößler (CDU) unterbreitete zwischenzeitlich folgende Offerte: Die 17 Crostwitzer Schüler könnten an einer anderen Schule in einer eigenen Klasse unterrichtet werden. Wenn sich die Verantwortlichen im Rahmen einer neuen Schulnetzplanung auf den Erhalt des Standorts Crostwitz einigten, könne die Klasse zurückkehren. Allerdings müssten die Sorben dann selbst entscheiden, welche Standorte stattdessen aufgehoben werden. Ihlenfeld nannte dies ein »sehr weitreichendes Angebot«, mit dem der politische Verhandlungsspielraum ausgereizt sei. Für Domowina-Vorsitzenden Nuck ist der Vorschlag inakzeptabel, weil er »ein Hauen und Stechen« zur Folge hätte. Er befürwortet zwei Schulen mit jeweils einer Außenstelle. Eine einvernehmliche Lösung ist aber nach Einschätzung Nucks zunehmend weiter entfernt. Allzu ruhig wird er also auch in den kommenden Nächten nicht schlafen.

(ND 01.09.01)

Interview:   »Nichtdeutsche« Blicke auf deutsche Wirklichkeit
Gespräch mit dem sorbischen Schriftsteller Jurij Koch 

 
 
ND: Der 65. Geburtstag markiert für viele einen neuen Lebensabschnitt. Sieht das ein Schriftsteller auch so?

Man hat Zeit seines Lebens mit Abschnitten zu tun. Eine alte Verslehre beschreibt die Zäsur als Wechsel im Rhythmus, Maß und Reim. Für mich ist der Tag insofern ein Maß- und Reimwechsel, als der Staat von nun an verpflichtet ist, mir meine weitgehend selbst organisierte soziale Grundversorgung zu gewähren. Von einem Tag, an dem endlich Arbeit ein Ende hat, kann keine Rede sein. Ich werde weiter meine Texte schreiben, solange ich das Gefühl habe, dass sie Leser finden. Der Tag macht mich auch verlegen. Man richtet Aufmerksamkeit auf mich, obwohl kein richtiger Anlass vorhanden ist. Es sei denn, man betrachtet das Erreichen des genannten Alters als Leistung.

ND: Was wünschen Sie sich?

Dass das von mir Geschriebene einen Wert besitzt, der für eine vorstellbare Zeit von Leuten genutzt werden kann, die ähnlich denken wie ich. Es geht hierbei um ein paar »nichtdeutsche« Blicke auf deutsche Wirklichkeit, die mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit hier zu Lande belangvoll bleiben werden.

Zum Beispiel, weil die regionale wie nationale Politik mit konstanter Boshaftigkeit behauptet, dass in der »deutschen demokratischen Bundesrepublik« jeder vor dem Gesetz gleich ist. So schließt man den Sorben eine Schule, weil sie die verlangte Schülerzahl nicht erreicht. In sorbischen Auge entsteht zum Thema »Jeder hat das gleiche Recht« folgendes Bild: Vor einem Apfelbaum stehen ein großer und ein kleiner Mensch. Während der große mit ausgestreckter Hand die Früchte erreicht, sind sie für den kleinen unerreichbar. Im Fernsehen kann man in den Abendnachrichten Tote mazedonischer Minderheitenkonflikte sehen und zwei Stunden später eine böse als Satire getarnte Beschimpfung sorbischer Demonstranten aus Crostwitz, die um ihre Schule kämpfen. Man kann mit dem Schild »Pressefreiheit« auch in die Fresse schlagen. Fragen Sie mal Minister in Brandenburg und Sachsen, was sie unter »positiver Diskriminierung« von Minderheiten – eine Forderung des UNO-Menschenrechtsausschusses! – verstehen. Sie werden antworten: Diskriminierung kommt nicht in Frage.

ND: Sie schreiben für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, für Deutsche und Sorben in den unterschiedlichsten Genres: Prosa, Theaterstücke, Essays... Ist es nicht ungewöhnlich, sich auf so vielen Pfaden zu bewegen?

Minoritäten, vor allem deren Kulturbeförderer, können sich Spezialisierungen nicht leisten. Sie sind gezwungen – und zwar bei Strafe ihres Unterganges – der Majorität und deren viel mannigfaltigeren kulturellen Leistungen nachzulaufen. Die Sorben können nicht warten, bis ihnen die Natur einen begabten Kinderbuchautor beschert. Von uns sorbisch Schreibenden hat jeder mindestens ein Buch für Kinder verfasst, und wenn es heißt, dass Texte für fünfzehnjährige Leser dringend gebraucht werden, macht sich der einzige sorbische Verlag auf die Suche nach Autoren. Bei uns hat Literatur – nicht nur sie – immer auch einen sehr praktischen Gebrauchswert. Es stört uns wenig, dass Schöngeister darüber die Nase rümpfen.

ND: Woran arbeiten Sie derzeit?

Ich lese Korrekturen. Bald erscheint im Bautzener Domowina-Verlag in deutscher Übersetzung »Jakub und das Katzensilber« mit Illustrationen von Egbert Herfurth. Das ist ein heiterer Abenteuerroman für junge Leute, worin Jakub mit seinem Skateboard, Rejska mit ihrer blinkenden Zahnspange, Großmutter Babeduscka mit ihrer Ziege Hila in der Wetzlichscheune Gespenstern und wertvollem Katzensilber auf der Spur sind, was sogar zu turbulenten Auseinandersetzungen im Sächsischen Landtag führt...

Fragen: Katharina Gräbner

(ND 15.09.01)

Keine Gouvernante hat zu bestimmen, was gut für uns ist
Debatte zum Thema: Bedrohte sorbische Identität? 
 

Heiko Kosel
Europapolitischer und minderheitenpolitischer Sprecher der PDS-Fraktion im sächsischen Landtag
Foto: Archiv

 

 
Ein maßgeblicher Vertreter der Domowina, des Bundes Lausitzer Sorben, sprach am Tage der Unterbrechung des Crostwitzer Schulstreits davon, dass weder eine Schlacht verloren gegangen sei noch gar der Krieg. Jeden Montag begleitet seitdem eine lange Autokolonne, mit der sorbischen Fahne versehen, die Schüler in die benachbarte Schule. Fand da ein sorbischer Feldzug gegen sächsisches Kulturministerium, Regionalschulamt, Landrätin, CDU-Landtagsfraktion usw. statt oder steht er noch bevor?

Was wollen denn die Sorben eigentlich? mag mancher fragen. Sagen werden ihm die Sorben: Wir wollen sein, was wir sind, Angehörige des 60000 Seelen zählenden sorbischen Volkes, über ein Jahrtausend verwurzelt in Sachsen und Brandenburg, und drum wollen wir nicht, dass wir unserer Wurzeln beraubt werden.

Weshalb dies alles wegen einer Schule? Schulen, das wissen die Sorben allzu gut, waren nie nur Stätten der Bildung, sondern auch Institutionen, an denen sie das Verhältnis des Staates zu ihnen fast lehrbuchhaft ablesen konnten. Ob dies ein gutes oder ein schlechtes war, an der Schule und der Schulpolitik merkten sie es am ehesten. Das hätte auch Sachsens Kultusministerium wissen können. Jurij Brezan, der bekannteste sorbische Schriftsteller, sprach denn auch in Crostwitz davon, dass wir Sorben »aus den Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts wissen, dass das ein Anfang ist, ein Testen unseres Willens, uns zu wehren gegen den Versuch, uns die nationale Existenz zu untergraben«. Die Sorben haben nicht nur das allgemein verbriefte Menschenrecht, Angehörige dieses kleinen westslawischen Volkes in Deutschland, eines Volkes ohne Mutterland sein zu dürfen, sie haben angesichts der mehr als tausend Jahre währenden zuweilen recht gewaltsam betriebenen Germanisierung eine gewisse innere Pflicht, Sorben zu bleiben. So ist also ihr Widerstand nicht Ausdruck querköpfigen Verhaltens der Eltern, sondern der geschichtlichen Erfahrung und der aktuellen Erlebnisse des Umgangs der Obrigkeit mit ihnen.

Das ist indes nicht die alleinige Antwort. Die Wirklichkeit ist viel breiter und komplizierter und nicht nur auf die Lausitz oder Sachsen begrenzt. Und die Wirklichkeit hat für die Sorben einen vielfachen Hintergrund. Erst wer diesen beleuchtet, wird in der Aktion zur Rettung der sorbischen Mittelschule »Jurij Chezka« in Crostwitz – von den Akteuren mit einem weit verbreiteten Anstecker als »Crostwitzer Aufstand 2001« bezeichnet – mehr erblicken können als vordergründig den Kampf um die Rettung eines einzelnen Schulstandortes.

Gäbe es in der europäischen Charta der Grundrechte einen Artikel zu Minderheitenrechten, hätten auch die Sorben rechtliche Bestärkung in ihrem Bemühen, ihre sprachliche und kulturelle Identität zu bewahren, und der Staat wäre stärker verpflichtet, zur Einlösung dieser Rechte alle erdenklichen Bedingungen zu schaffen oder zu erhalten. Sorbische Schulen wären dabei nicht das Geringste. Doch die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen und die Rahmenkonvention zum Schutz nationaler Minderheiten setzen zwar positive Akzente, sind aber so voller allgemeiner Grundsätze, dass von Rechten, die von Betroffenen oder Mitgliedsländern der EU eingeklagt werden könnten, keine Rede sein kann. Wenn dem nicht so wäre, wäre es ein Leichtes, den kollektiven Anspruch sprachlicher und ethnischer Minderheiten oder kleiner Völker, wie es das sorbische ist, auf politische und kulturelle Institutionen, durch die sie ihre Eigenart erhalten können, einzulösen.

Gäbe es im Grundgesetz einen Minderheitenartikel, wäre die Verantwortung Deutschlands für Existenz und Förderung der vier autochthonen Minderheiten, der Dänen, Friesen, Sinti und Roma und der Sorben, und zugewanderter Minderheiten nicht eine Aufgabe nach Belieben, die vernachlässigt werden oder auf Bundesländer weitergereicht werden kann. Kultur und Bildung sind im Konkreten bei Minderheiten – so die Verfassungslage – Ländersache. Der Bund wäre auf Dauer fein raus, gäbe es da nicht die Agenda 2000, die Kopenhagener Kriterien, die gerade den EU-Beitrittskandidaten strenge Auflagen in puncto Minderheitenrechte vorgeben. Just einige dieser Kandidaten im Osten fordern nun, aufgeschreckt durch Crostwitz, Deutschland möge doch erst einmal mit sich selber ins Reine kommen.

Was den Sorben bleibt an rechtlicher Grundlage für »Bewahrung ihrer Identität sowie ... Pflege und Entwicklung ihrer angestammten Sprache, Kultur und Überlieferung, insbesondere durch Schulen, vorschulische und kulturelle Einrichtungen«, ist die hier zitierte Sächsische Verfassung, die gleich der brandenburgischen durchaus viel versprechende Schutzverpflichtungen gegenüber den Sorben eingeht. Gäbe es da nur nicht die Möglichkeit sehr unterschiedlicher Auslegungen! Diese sind freilich schon mit der Verfassung selbst gegeben. Die stärkere Verpflichtung »Förderung« von Sprache und Kultur der Sorben wurde auf »Achtung« und »Schutz« reduziert.

Fehlende oder unzulängliche rechtliche Grundlagen bedrohen allerdings nicht auf geradem Wege der Existenz der Sorben, sie leisten indes einer permanenten, durch vielerlei Faktoren gegebenen Bedrohung Vorschub. Es ist nun mal das Schicksal zweisprachiger Gruppen in einem einsprachigen Umfeld, dass sie mehr oder weniger aufgesogen werden. Die Lausitz ist ungeachtet vieler Verlautbarungen eben nicht zweisprachig. Die deutschen Mitbürger, von wenigen Ausnahmen abgesehen, sprechen nicht sorbisch. Die per Gesetz, auch durch das spezifische so genannte Sorbengesetz, mögliche Zweisprachigkeit ist nicht sprachliche Wirklichkeit. Zweisprachigkeit ist einseitig: Sorben sprechen deutsch und sorbisch. Je nachdem. Und dieses »Je nachdem« ist das Problem: Ist das Umfeld mehrheitlich deutschsprachig, spricht der Sorbe sowieso deutsch, ist es gemischtsprachig, dann eher auch. Die Mehrheit erwartet dies so. Dazu kommt eine Fülle von Einflüssen, über die Medien, die Arbeitswelt, die Infrastruktur, die sich gegen die sorbischen Sprache richten. Es findet eine schleichende Verdrängung der sorbischen Sprache aus der Öffentlichkeit statt, während zugleich in ihr die Öffnung für das Sorbische wächst. Alles widersprüchlich, aber eben wahr.

Von den Sachsen, die im November 2000 befragt wurden, halten 72Prozent Sorbisch für bedeutsam, nur 7Prozent nicht. Doch es geht eben bei einer bedrohten Sprache nicht nur um die Anerkennung deren Werte und die Akzeptanz deren Anwendung, sondern um Sprachpolitik als Bildungspolitik und um Förderung der Sprache. Es wird da, soweit sich diese Feststellung im Allgemeinen bewegt, kaum Meinungsverschiedenheiten geben. Doch auch hier sitzt der Teufel im Detail. In Gestalt der so genannten demografischen Größe. Der sächsische Auszählreim lautet: Wie viele Schüler du hast, so viele Klassen darfst du haben, hast du weniger, musst du mit der Schule weichen. Führt eine solche Politik vor allem im ländlichem Raum zum Schulsterben (allein 100 Schulen schließen in Sachsen ihre Pforten), so wirkt sich das bei den sorbischen Schulen weit negativer aus. Die sorbische Schule ist gleichsam Schule des Volkes, will heißen des Ethnikums, sie ist Stätte der Übung und des Praktizierens sorbischer Sprache und Kultur, sie ist sprachlich und kulturell gesehen ein Standortfaktor. Schwindet die sorbische Schule, schwindet auch der sprachliche Boden des sorbischen Volkes. Familie allein und Kirche gleichen dies nicht aus.

Es ist alles andere als kleingeistige Heimattümelei oder engstirniger Lokalpatriotismus, wenn die Sorben angesichts der Gefährdung ihres ohnehin schon grobmaschigen Schulnetzes sozusagen auf die Barrikaden gehen. Nicht nur wegen der 17 betroffenen Kinder. Die Sorben, über Jahrhunderte eher duldend der Obrigkeit untertan als aufbegehrend, leisten auf Grund eben ihrer geschichtlichen Erfahrung Widerstand: Sie haben auf vielfältige Weise den Verlust sorbischer Identität erfahren und sehen nun die Schule als Orte der Sprachpflege und -erhaltung.

Wird erklärt, für eine bessere Allgemeinbildung auch der sorbischen Kinder seien größere Schulen notwendig, ist das fadenscheinig. Bewiesen konnte das auch in der DDR mit den Zentralschulen nicht werden. Eher umgekehrt. Das Argument ist indes auch gefährlich denunziatorisch, weil es den kleinen Schulen, den dortigen Lehrern und Schülern etwas unterstellt, was nie vorhanden ist: geringe Lehrfähigkeit und Lernbereitschaft. Die sächsische PDS- Landtagsfraktion, die sächsische Gruppe der PDS-Bundestagsfraktion und der sächsische Landesvorstand haben vorgeschlagen, in das Grundgesetz eine Minderheitenklausel aufzunehmen und den Sorben Autonomie in Bildung und Kultur zu gewähren. So aktuell der Vorschlag auch ist, neu ist er nicht. Bereits 1990 versprach Wolfgang Schäuble den Sorben die Kulturautonomie. Geworden ist im CDU-regierten Sachsen nichts dergleichen. So zeigte denn auch das Beispiel Crostwitz, das anstelle der versprochenen Autonomie nun eine deutsche Gouvernante zu bestimmen meint, was gut für die Sorben ist. Und das finden die Sorben gar nicht gut.

(ND 21.09.01)

In Sachsen ist der Minderheitenschutz gewährlesitet
Debatte zum Thema: Bedrohte sorbische Identität? 
 

Günther Portune
Staatssekretär im sächsischen Kultusministerium
Foto: Schubert

 

 
In Ostdeutschland – so auch im Freistaat Sachsen – sind die Geburten 1993/94 auf 37Prozent im Vergleich zu 1989 gesunken. Inzwischen ist die Geburtenquote erfreulicherweise wieder auf etwa 50Prozent gestiegen. Trotzdem ist die Konsequenz des Geburtenknicks eine mittelfristige Halbierung der Schülerzahl. Diese Entwicklung gibt es im deutschen und auch im sorbischen Gebiet. Das Sächsische Staatsministerium für Kultus hat trotzdem entschieden, dass im Gegensatz zum deutschen Gebiet alle sorbischen Grundschulen Bestandsschutz haben, unabhängig von der Schülerzahl. Damit berücksichtigen wir die sächsische Verfassung, die auch Bestimmungen zum Minderheitenschutz der Sorben enthält. Denn wir sind uns mit den Sorben einig, dass für die Entwicklung der sorbischen Sprache und Kultur die ersten Jahre der Kinder und die Grundschulzeit entscheidend sind.

Das Sächsische Staatsministerium für Kultus hat für die sechs sorbischen Grundschulen, die derzeitig sechs sorbischen Mittelschulen und das sorbische Gymnasium in Bautzen weitere Sonderregelungen zum Schutz der sorbischen Sprache und Kultur geschaffen: Für sorbische Schulen gelten besondere Stundentafeln und Lehrpläne. Im Mittelschulbereich gibt es neben der regulären Stundentafel eine Stundentafel für sorbische Schulen mit Sorbisch als Muttersprache und eine Stundentafel für sorbische Schulen mit Sorbisch als Zweit- oder Fremd-sprache. Der sorbische Sprachunterricht an einer sorbischen Schule wird in Gruppen durchgeführt. Eine Gruppe umfasst in der Regel mindestens fünf und höchstens 15 Schüler. Bei sorbischen Schulen mit Jahrgangsstufen von weniger als fünf Schülern, die sich für die Teilnahme am Sorbischunterricht entschieden haben, entscheidet der Schulleiter, ob ein Mehrstufenunterricht oder eine Unterrichtsteilnahme in einer höheren Jahrgangsstufe am sorbischen Sprachunterricht erfolgten. Der Klassenteiler ist bei sorbischen Grundschulen auf 25 Schüler festgelegt (landesweit: 33 Klas-senteiler). Im Deutschunterricht an sorbischen Grundschulen wird die Klasse ab 15 Schülern in Gruppen geteilt. Schüler an sorbischen Mittelschulen können anstelle der verbindlichen schriftlichen Prüfung im Fach Deutsch an der Prüfung im Fach Sorbisch teilnehmen.

Zur Sache Crostwitz: Wir hatten entschieden, dass wegen Nichterreichen der Mindestschülerzahl 40 an der sorbischen Mittelschule in Crostwitz für die 17 Anmeldungen zum Schuljahr 2001/2002 keine Klassenstufe 5 eingerichtet werden kann. Wie auch durch das Verwaltungsgericht Dresden und das Oberverwaltungsgericht Bautzen im Sommer bestätigt, müssen Mittelschulen in Sachsen wegen der Abschlussdifferenzierung in Hauptschul- und Realschulbildungsgang und der Gruppenbildung im Rahmen der Profilwahl mindestens zweizügig sein. Dies ist im ländlichen Raum mit zwei Klassen mit insgesamt mindestens 40 Schülern möglich – in Crostwitz fehlten also 23. Deutsche und Sorben werden bei dieser Grundvoraussetzung – der Mindestschülerzahl an weiterführenden Schulen – gleich behandelt.

Ganz besonders wichtig ist bei der Beurteilung des Falls, dass die beiden von den Sorben angerufenen Gerichte sehr sorgfältig – wie bereits wir zuvor – die Frage des Minderheitenschutzes und einschlägige Bestimmungen dazu geprüft hat-ten, bevor sie die Anträge aus Crostwitz auf Einrichtung der Klassenstufe 5 ablehnten. Die Gerichte wiesen darauf hin, dass die 17 Crostwitzer ein vergleichbares – nämlich rein sorbisches – Mittelschulangebot in Ralbitz annehmen konnten, was inzwischen auch geschehen ist. Alternativ standen den Crostwitzern auch die sorbischen Mittelschulen in Räckelwitz (1,5 Kilometer Fahrradweg) und Panschwitz-Kuckau (4 Kilometer) zur Wahl.

Für alle vier sorbischen Mittelschulen im Verwaltungsverband »Am Klosterwasser« (diesem gehören die Gemeinden Ralbitz-Rosenthal, Crostwitz, Räckelwitz, Nebelschütz und Panschwitz-Kuckau an) werden stark sinkende Anmeldezahlen prognostiziert. Der Verwaltungsverband legte selbst die Zahlen vor. Gibt es heute an den vier Standorten noch 114 Anmeldungen für Klassenstufe 5, sind es mittelfristig nur noch 49. Hier bereiten nicht nur den Schulträgern – den jeweiligen Kommunen – die Unterhaltskosten bei zu geringer Auslastung Sorgen. Das Kultusministerium kann bei der Verteilung der geringen Schülerzahl auf vier Standorte auch das inhaltliche Angebot der Mittelschulen und damit hochwertige Schulabschlüsse nicht mehr gewährleisten. Die aber brauchen die sorbischen Kinder genauso wie die deutschen. Die Sorben sollen die gleichen guten Chancen auf eine Lehrstelle und den Berufseinstieg haben wie andere auch.

Dass dies Entscheidungen zum Schulnetz der sorbischen Schulen auch durch die Sorben selbst er-fordert, haben wir nochmals am 5.September in einer Besprechung im Kultusministerium mit den betroffenen Bürgermeistern, der Kamenzer Landrätin, Jan Nuck von der Domowina, Ludmila Budar vom Sorbischen Schulverein sowie Maria Michalk vom Rat für sorbische Angelegenheiten deutlich gemacht. Die Beteiligten wollen jetzt Modelle zum künftigen Schulnetz im sorbischen Siedlungsgebiet qualifizieren und in der zweiten Septemberhälfte in Panschwitz-Kuckau diskutieren. Große Übereinstimmung zwischen Kultusministerium und Vertretern der Sorben gibt es beim Konzept der Zweisprachigkeit. Dieses Konzept wird gemeinsam mit dem Sorbischen Schulverein seit zwei Jahren erarbeitet und dient als Grundlage für die Weiterentwicklung der inhaltlichen Aspekte des sorbischen Schulwesens.

(ND 21.09.01)