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17.08.2001


Ein Kulturkampf im Sorbenland

Eine Schule mit sorbischen Sprachunterricht soll geschlossen werden

Von Falk Hornuß


Die Sorben sind ein slawisches Volk, gut 60.000 Köpfe stark, welches in den Bundesländern Sachsen und Brandenburg lebt. Sie sind die einzige anerkannte slawische Minderheit in der Bundesrepublik. Dieser Status bringt ihnen einige Vorteile, wie zum Beispiel im Bildungswesen, wo an einigen Schulen ganz oder teilweise in Sorbisch gelehrt wird. Ähnlich wie die Deutschen leiden auch die Sorben an sinkenden Geburtenzahlen, was dazu geführt hat, daß pro Schule jede Klassenstufe nur über eine Klasse verfügt. Davon sind auch alle sechs sorbischen Mittelschulen betroffen, nur zwei davon lehren vollkommen in sorbisch. Gerade in diesen ist die Schülerzahl pro Klasse unter den Richtwert von 20 gesunken. Folge davon ist nun die beabsichtigte Schulschließung von Crostwitz, eine der beiden sorbischen Vollschulen, wo nun zuerst die Fünfte Klasse einfach aufgelöst wurde. In den Sorben ist ihr slawischer Rebellengeist erwacht, zusammen mit ihrer Dachorganisation Domowina leisten sie heftigen Widerstand. Dieser artikuliert sich in einer Schulbesetzung, während der die sorbischen Kinder von ehemaligen Lehrern streng nach bundesdeutschen Lehrplänen unterrichtet werden. Diese Maßnahme der Sorben lockt nun sogar verstärkt Kamerateams ins sonst so verschlafene Crostwitz. Eine Klage vor dem Verwaltungsgericht war kurz zuvor gescheitert, die Sorben haben aber mittlerweile Revision eingelegt. Die Solidargemeinschaft aus Eltern, Lehrern, Anwohnern und der örtlichen Geistlichkeit will noch lange nicht aufgeben.


Aus der beabsichtigten Schulschließung ist nun ein überregionales Politikum geworden. Schließlich hat Sachsen im Prinzip hervorragende Minderheitengesetze, mit denen der Freistaat gern und oft prahlte. Doch wie so oft ist die formal-demokratische Wirklichkeit eine andere, vor allem, wenn es um das Monetäre geht. Die weltweiten Prediger der Menschenrechte, die Europäische Union mit der BRD an der Spitze, zeigen beim Goldenen Kalb Finanzen, was sie in Wirklichkeit von den Menschenrechten und Minderheitenschutz halten, nämlich gar nichts. Bis jetzt zeigt sich die Landesregierung stur, hat allerdings bisher auf Zwangsmaßnahmen gegen die Schüler-Rebellen verzichtet. Die Forderung des sächsischen Kultusministers Matthias Rößler (CDU), man könne über alles reden wenn zuerst die Besetzung beendet werde, wertet die Domowina als Erpressung. Deren Vorsitzender Jan Nuck sieht mit der Schulschließung "die Axt an die Wurzeln der sorbischen Kultur und Identität gelegt". Immerhin soll die Förderung sorbischer Kindergärten im Rahmen des WITAJ-Projektes beibehalten werden. Politische Unterstützung von außen war bisher relativ rar, lediglich sorbische Landtagsabgeordnete, je einer von PDS und CDU, schlugen sich auf die Seite der Protestierer. Überhaupt versucht in den letzten Tagen die PDS Punkte zu sammeln, so kritisierte auch der ehemalige Ministerpräsident der DDR und jetzige PDS-Europaabgeordnete Hans Modrow die Staatswillkür und sieht darin ein negatives Beispiel für Europa. Bisher schweigt "Europa" allerdings. Und das in einer prekären Situation. Durch Assimilation und Anpassung ist die Zahl der sorbisch Sprechenden in der Region in 80 Jahren von 250.000 auf jetzt maximal 60.000 gesunken.


Zuallerletzt bekommt die Posse nun auch noch internationale Dimensionen. Schon vor einiger Zeit hatten auf Einladung der PDS tschechische Abgeordnete verschiedener Parteien die Heimat der Sorben besucht. Nun scheint es, als will sich die Tschechei zur Schutzmacht der Sorben aufschwingen, wenn es auch vorerst noch offizielle Dementis gibt. National, sprich panslawistisch, gebärdet sich dabei besonders die Kommunistische Partei Böhmens und Mährens, die sich traditionell für andere Slawen verantwortlich fühlt. Wirkliche Maßnahmen der Tschechei sind nicht zu erwarten, zu sehr will die sozialdemokratische Zeman-Regierung ihr Land schnell in die EU führen, da müssen slawische Brüder und Schwestern zurücktreten. Wie so vieles im Leben ist auch die Behandlung von Minderheiten ein ethisches Problem, da die bürgerliche Definitionsmacht nur sich selbst als ethisch wertvoll einstuft, wird uns dieses Problem noch lange verfolgen. Deutschland kann es sich jetzt aber nicht mehr leisten, mit dem Zeigefinger kritisch auf Frankreich und seinen eigenartigen Umgang mit ethnischen Minderheiten zu zeigen.