RÜCKBLICK

 

Geschichte eines Aufstandes

Ende des Jahres 2000 wurde die Gemeinde Chrósćicy/Crostwitz vom Sächsischen Kultusministerium informiert, dass die sorbische Mittelschule "Jurij Chěžka" Chrósćicy/Crostwitz mit Beginn des Schuljahres 2001/2002 keine 5. Klasse mehr einrichten dürfe.

Daraufhin ging die Kommune gegenüber dem Kultusministerium in Widerspruch und reichte  beim Verwaltungsgericht Klage ein. Im Sächsischen Landtag selbst wurden Anträge und Petitionen eingebracht, die den generellen Erhalt des sorbischen Schulnetzes, mithin der sorbischen Mittelschule Chrósćicy/Crostwitz, ein Moratorium und andere aufschiebende Maßnahmen vor Schließung der 5. Klasse forderten.

Auf Initiative der Crostwitzer Jugendlichen erhielt die Außenfassade der Mittelschule Chrósćicy/Crostwitz Anfang Juli 2001 einen neuen, freundlichen Farbanstrich. Das erste sichtbare Signal des Protestes gegen die Zerschlagung des sorbischen Schulnetzes war gesetzt.

Am Samstag, dem 07. Juli 2001, beteiligten sich über 300 Menschen an einer Protestaktion auf dem Schulhof, zu der die Schulinitiative und die Crostwitzer Jugendlichen aufgerufen hatten. In Anwesenheit von Unterstützern aus Tschechien, Finnland und Polen bekundeten die Teilnehmer ihre Zuversicht, dass die sorbische Mittelschule erhalten bleibt und der Zerschlagung des sorbischen Schulnetzes Einhalt geboten wird.

Die mehrheitliche Ablehnung aller Vorschläge im Landtag sowie der zunehmende Druck seitens des Kultusministeriums und des ihm nachgeordneten Regionalschulamtes Budyšin/Bautzen führten zur Zuspitzung der Lage. Es war weder eine politische Lösung im Interesse des sorbischen Volkes in Sicht, noch war eine richterliche Entscheidung durch das Verwaltungsgericht und das Oberverwaltungsgericht zugunsten des sorbischen Schulwesens getroffen worden.

Der Wille zum Erhalt der vier sorbischen Mittelschulen im Landkreis Kamjenc/Kamenz, dem katholischen Kerngebiet im Siedlungsgebiet der Sorben, als öffentliche sorbische Sprachräume und Stätten der Förderung von Sprache, Kultur und Identität wuchs. Hatten doch die Erfahrungen aus der Vergangenheit gezeigt: Jede Schließung einer sorbischen Schule bedeutet Schwächung der sorbischen Grundsubstanz und den schleichenden Wandel einer von der sorbischen Sprache dominierten Zweisprachigkeit zu einer von der deutschen Sprache bestimmten Zweisprachigkeit, die der endgültigen Assimilierung der Sorben Vorschub leistet.

Gegen die drohende Schließung bildete sich ein breites Bündnis, maßgeblich initiiert von den Eltern der betroffenen 5. Klasse. Das Bündnis umfasste Sorben und Deutsche, politische Parteien, kirchliche Vertreter, kulturelle und andere Bewegungen, sorbische Vereine und Institutionen, Studenten und Jugendliche und erfuhr breiteste Unterstützung durch die Domowina, den Bund Lausitzer Sorben.

Durch das Beharren des Kultusministeriums auf der Schließung der sorbischen Mittelschule und die Ablehnung der Klagen der Gemeinde vor dem Oberverwaltungsgericht sowie die Anweisung, die Schüler der 5. Klasse ab Beginn des neuen Schuljahres in der Mittelschule Worklecy/Räckelwitz zu beschulen, spitzte sich die Situation mit Beginn des neuen Schuljahres zu.

Am Vorabend des neuen Schuljahres, am 8. August 2001, folgten mehr als 1200 Sorben und Deutsche dem Aufruf der Domowina und der Crostwitzer Schulinitiative zu einer Protest-Kundgebung für den Erhalt des sorbischen Schulnetzes in Chrósćicy/Crostwitz.

In Anwesenheit der Bundestagsabgeordneten Barbara Wittig (SPD), der Vorsitzenden aller drei Fraktionen des Sächsischen Landtages, Dr. Fritz Hähle (CDU), Prof. Dr. Peter Porsch (PDS) und Thomas Jurk (SPD), weiterer Landtagsabgeordneter und des Staatsministers für Kultus Dr. Matthias Rößler sowie des Staatsministers für Bundes- und Europaangelegenheiten Stanisław Tillich protestierte die Bevölkerung nicht nur aus der Gemeinde Crostwitz gegen die Schließung der Mittelschule und die Zerschlagung des sorbischen Schulnetzes.

Vor dem Hintergrund der neuen Fassade der Crostwitzer Schule bekundeten der Vorsitzende des Cyrill-Methodius Vereins Pfarrer Sćěpan Delan, der Domowina-Vorsitzende Jan Nuk, die Sprecherin der Elterninitiative Jana Markowa, der Schriftsteller Jurij Brězan und der Gemeindepfarrer Clemens Hrjehor die sorbischen Forderungen und die Bereitschaft, weiter für den Erhalt der Schule zu kämpfen.

Unter dem Beifall der Anwesenden kündigte ein Vertreter der Eltern an, die Schüler der 5. Klasse mit dem ersten Schultag in Chrósćicy/Crostwitz zur Schule zu schicken.

Somit entschieden sich die Eltern der 5. Klasse zu folgender Aktion: Nach dem Morgengottesdienst begaben sie sich mit ihren Kindern und in Begleitung des Pfarrers Clemens Hrjehor sowie vieler weiterer Sympathisanten − trotz des Verbots seitens des Regionalschulamtes − in das Schulgebäude in Chrósćicy/Crostwitz, besetzten einen Klassenraum und begannen mit Hilfe pensionierter Lehrer mit dem Unterricht gemäß dem geltenden sächsischen Lehrplan.

Ab diesem Tag besuchten die Schüler die Schule in Chrósćicy/Crostwitz, ungeachtet aller Drohungen seitens des Kultusministeriums, des Regionalschulamtes und des Landratsamtes (Bußgeldandrohung in Höhe von 2500 DM je Kind, Androhung der Wiederholung der 5. Klasse im nächsten Schuljahr).

Unterstützt wurden sie durch täglich stattfindende Protestdemonstrationen. Unter dem Beifall der Anwesenden geleiteten die Eltern ihre Kinder in die Schule. Danach schloss sich eine Kundgebung auf dem Schulhof an, bei der täglich bis zu 300 Menschen der Forderung nach Zulassung der 5. Klasse in Chrósćicy/Crostwitz Nachdruck verliehen.

26 Tage lang wurde der Crostwitzer Schulhof zum Ort des friedlichen Protests und der öffentlichen Bekundung des gemeinsamen Willens, die Schule und das gesamte sorbische Schulnetz zu erhalten.

An den Ansprachen, Begegnungen, Gesprächen und Gebeten beteiligten sich auch Abgeordnete der Opposition im Sächsischen Landtag, des Deutschen Bundestages, des Europäischen Parlaments sowie ausländische Parlamentarier.

Weitere Aktionen umrahmten die morgendlichen Kundgebungen. Die Gottesdienste vereinigten nicht nur Gläubige der Crostwitzer Kirchgemeinde.

Die Suche nach einer einvernehmlichen Lösung mit dem Kultusministerium in der Frage des sorbischen Schulnetzes wurde zum Gegenstand zahlreicher Beratungen.

Ein Vermittlungsversuch des Bischofs des Bistums Dresden-Meißen Joachim Reinelt scheiterte. Der Kultusminister selbst war – nach längerem Zögern – zum Treffen mit den Eltern bereit. Über das Gespräch in Chrósćicy/Crostwitz zwischen Eltern und Minister wurde jedoch Stillschweigen vereinbart.

Die Domowina berief unter dem Druck des bevorstehenden Entscheids über die Schulnetzplanung des Landkreises Kamjenc/Kamenz, dem die Verantwortung für die Schulnetzplanung vom Sächsischen Kultusministeriums übertragen wurde, einen runden Tisch ein. Er sollte die Vielzahl vorhandener Konzepte für die sorbischen Schulen prüfen und eine Empfehlung abgeben.

Der sorbische Dachverband Domowina wandte sich u.a. an die UNO und die UNESCO, um über die geplante Schließung der Mittelschule in Chrósćicy/Crostwitz zu informieren.

Auf seiner Tour durch Ostdeutschland wurde Bundeskanzler Gerhard Schröder in Wostrowc/Ostritz mit den Anliegen der Sorben konfrontiert. Dabei sicherte der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf in einem Gespräch am Rande des Besuchs zu, die Entscheidung bezüglich Chrósćicy/Crostwitz nochmals prüfen zu wollen.

Die Initiatoren des Volksentscheids "Zukunft braucht Schule"verkündeten in Chrósćiy/Crostwitz die Übergabe der notwendigen 40.000 Unterschriften, die anschließend in Dresden an den Landtagspräsidenten überreicht wurden.

Sorben und Deutsche beteiligten sich an einer Ideenkonferenz zur Zukunft der Schule in der zweisprachigen Lausitz.

Zahlreiche Unterstützer aus dem In- und Ausland bekundeten ihre Solidarität und ihre Entrüstung über das Vorgehen des sächsischen Kultusministeriums. Täglich trafen neue Briefe und Solidaritätsbekundungen in Crostwitz ein. Die zunehmende mediale Öffentlichkeit erhöhte die Spannung der Situation.

In der dritten Woche des Protestes wurde den Schülern der Zutritt ins Schulgebäude durch den Direktor des Regionalschulamtes Bautzen verwehrt. Daraufhin wurde der Unterricht in der Sporthalle fortgesetzt.

Am folgenden Tag schließlich fand ein alle sorbische Schulen der Oberlausitz erfassender Schulstreik statt. An dem mit Unterstützung sorbischer Studenten durchgeführten Streik beteiligten sich über 1.500 Schüler in Chrósćicy/Crostwitz, Worklecy/Räckelwitz, Pančicy/Panschwitz/, Ralbicy/Ralbitz, Radwor/Radibor und Budyšin/Bautzen.

Nachdem alle Verhandlungen und Beratungen kein Ergebnis, auch keinen Kompromiss seitens des Kultusministeriums in der Frage des Erhalts der sorbischen Mittelschule in Chrósćicy/Crostwitz, brachten und der Druck auf die Eltern stetig wuchs, suchten die Eltern nach einer weiteren Lösung.

Am 4. September 2001 verkündeten sie auf der morgendlichen Protestkundgebung offiziell die Aussetzung des Streiks. Die Schüler sollten fortan in der zweiten rein sorbischsprachigen Schule in Ralbicy/Ralbitz zur Schule gehen. Dort wurde die Einrichtung einer eigenen Klasse für die Crostwitzer Schüler erreicht.

Nach der Verabschiedung der Schüler auf dem Schulhof in Crostwitz wurden sie von einem Autokorso nach Ralbicy/Ralbitz begleitet. Bis zur endgültigen Entscheidung über die Zukunft des sorbischen Schulnetzes werden die 17 Schüler dort zur Schule gehen.

Die Eltern riefen zu Montagsdemonstrationen für die Crostwitzer Mittelschule und das sorbische Schulnetz auf und bekräftigten "Wir geben unseren Kampf nicht auf."

Fortan fand jeden Montag eine morgendliche Protest-Kundgebung statt, in deren Anschluss die Schüler nach Ralbitz/Ralbicy begleitet wurden. Zur Freitagsbendmesse kamen wochenlang Gläubige aus den umliegenden Pfarrgemeinden nach Crostwitz.

Die für den 13. September 2001 anberaumte Demonstration "Für den Erhalt des sorbischen Schulnetzes und kleine Schulen auf dem Land" anlässlich der ersten Sitzung des Sächsischen Landtages wurde unter dem Eindruck weltpolitischer Geschehnisse abgesagt.

2002 © Rěčny centrum "Witaj" Sprachzentrum
fota/foto:Serbske Nowiny/M. Bulank & M. Wjeńka