DPA 14.07.2003

 

Eltern wollen gegen Schließung von Sorben-Schule in Crostwitz klagen

Crostwitz (dpa/sn) - Gegen die Schließung der sorbischen Mittelschule in Crostwitz (Landkreis Kamenz) wollen betroffene Eltern gerichtlich vorgehen. «Unsere Kinder brauchen diese Schule zur Bewahrung ihrer kulturellen Identität», sagte der Vorsitzende der Domowina, Jan Nuck, am Sonnabend der dpa.

Das Kultusministerium hatte vor zwei Jahren die Schließung wegen zu geringer Schülerzahlen angekündigt. Die Kinder sollen im benachbarten Ralbitz unterrichtet werden. Eltern und Schüler hatten im Sommer 2001 mit Streiks und Protesten reagiert.

Fünf Elternpaare haben nach Angaben von Nuck einen Anwalt beauftragt, Klage gegen den Beschluss einzureichen. Weitere wollen sich anschließen. Mit der Schulschließung werde es für die Sorben noch schwieriger, ihre Kultur lebendig zu halten, sagte Nuck. Die Schüler müssten an deutsch-sorbische Schulen ausweichen. An der in Crostwitz sei nur sorbisch gesprochen worden. «Künftig werden sie gezwungen sein, mehr deutsch zu sprechen», sagte er.

«Die Eltern sind bislang nicht in einem offiziellen Schreiben informiert worden, dass sie ihre Kinder nach den Sommerferien in die Ralbitzer Schule schicken sollen», kritisierte Rechtsanwalt Thorsten Schmidt, der die Klage der Eltern vorbereitet. «Es fehlt ein rechtsmittelfähiger Bescheid an jeden einzelnen Betroffenen, gegen den beim Verwaltungsgericht Widerspruch eingelegt werden könnte», sagte er. Schmidt will zunächst erreichen, dass während des langwierigen Verfahrens der Schließungsbeschluss ausgesetzt wird.

Der Sprecher des Kultusministeriums, Dieter Herz, hält es für ausgeschlossen, dass die Eltern nicht ordnungsgemäß benachrichtigt wurden. Ende Mai sei die Gemeinde über die Schulschließung informiert worden, anschließend die Eltern. «Einer Entscheidung des Verwaltungsgerichts sehen wir gelassen entgegen», sagte Herz.

«Der Freistaat hat sich mit seiner Sorbenpolitik bislang immer gebrüstet», sagte Rechtsanwalt Schmidt. Im Crostwitzer Fall zeige sich nun, wie es damit in der Realität ausschaue. «Die Schließung einer sorbischen Schule im sorbischen Kulturraum darf nicht zugelassen werden.» Die Schüler werden aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen, kritisierte er. Nach Angaben des Bautzener Regionalschulamtes sind 49 Schüler betroffen.

Ziel der Sorben ist es laut Nuck, mehr Eigenverantwortung für die sorbischen Schulen zu bekommen und dennoch im staatlichen Schulsystem zu bleiben. Ein Vorbild sieht er in der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein, die im Schulbereich größere Freiheiten habe. Allerdings vor allem deshalb, weil sie von der dänischen Regierung finanziell unterstützt werde. «Man kann uns doch nicht benachteiligen, weil wir keinen Heimatstaat haben», sagte er.

Kultusminister Karl Mannsfeld (CDU) hatte diese Woche im Landtag die Schließung der Crostwitzer Schule als Einschnitt in die gewachsene sorbische Schulstruktur, aber notwendig und vertretbar verteidigt. Er verwies darauf, dass die Schulnetzplanung vom Kreistag mit Zustimmung der sorbischen Abgeordneten beschlossen worden war.

Der Domowina-Bund ist die Vertretung der nationalen Minderheit der Sorben. Von den 60 000 Lausitzer Sorben leben rund 40 000 in Sachsen und 20 000 in Brandenburg.

(dpa) 14.07.2003