Freie Presse 10.07.2003

 

Letzter Unterrichtstag in Crostwitz - Sorbische Mittelschule soll schließen - Eltern und Domowina geben nicht auf

Crostwitz/Bautzen (ddp-lsc). Aufruhr herrschte vor zwei Jahren an der sorbischen Mittelschule "Jurij Chezka" im ostsächsischen Crostwitz. Erstmals war dort keine fünfte Klasse gebildet worden. Sachsens Kultusministerium fand damals, es hätten sich zu wenige Schüler dafür angemeldet. Die Eltern allerdings wollten die Entscheidung nicht hinnehmen und organisierten den Unterricht für die 17 Kinder selbst, mit Unterstützung vieler Sympathisanten. Nun steht die Schule endgültig vor dem Aus. Das Ministerium in Dresden hat die Schließung der Schule angeordnet. Und wieder regt sich Widerstand.

Eltern, Schüler, Freunde und Verwandte sowie Vertreter des sorbischen Dachverbandes Domowina werden sich am Freitag zu einem Gottesdienst in Crostwitz und anschließend zu einem Protestmeeting auf dem Schulhof versammeln. Dabei wird auch ein Kreuz geweiht, das vor zwei Jahren aus Ralbitz nach Crostwitz gebracht wurde. Am Crostwitzer Pfarrhof, direkt gegenüber der Schule, werde es aufgestellt, sagt Manuela Schmole, die die Interessen der Sorben im Landeselternrat vertritt. "Wir waren, wir sind, wir werden sein" steht in Sorbisch auf dem Kreuz. Es soll an die Aktion der Eltern und Schüler erinnern, die ihren Aufstand im Sommer 2001 immerhin gut drei Wochen durchhielten. Schließlich gingen die Kinder zum Unterricht in die sorbische Mittelschule nach Ralbitz.

Die Sorben hatten damals schon deshalb so heftigen Widerstand geleistet, weil sie sich der Konsequenzen bewusst waren, wenn die Schule in Crostwitz ohne fünfte Klasse bleibt. Es war unbestritten der Anfang vom Ende. Auch im vergangenen Schuljahr gab es keine fünfte Klasse in der Einrichtung. Und im kommenden Schuljahr hätten nur noch insgesamt 49 Schüler in den Klassen acht bis zehn in Crostwitz gelernt. Das Kultusministerium teilte der Gemeinde daher den "Mitwirkungsentzug" mit, wie es im Amtsdeutsch heißt, wenn der Freistaat keine Lehrer mehr zum Unterricht an eine Schule schickt.

Die Schüler aus Crostwitz könnten in die Mittelschule nach Ralbitz gehen, die sich in zumutbarer Entfernung befinde und das gleiche Potential an Qualität im Unterricht biete, argumentiert das Regionalschulamt in Bautzen. Doch die Betroffenen finden sich damit nicht ab. Mehrere Eltern haben bereits Widerspruch bei der Schulbehörde eingelegt. Außerdem überlegen einige Familien, ob sie gegen die Schließung der fast 100-jährigen Einrichtung gerichtlich vorgehen. Am Freitag beraten sie sich dazu mit einem Rechtsanwalt, weiß Manuela Schmole.

Auch der sorbische Dachverband Domowina hat die Crostwitzer Schule längst nicht aufgeben. Alle von der Verfassung gebotenen Möglichkeiten sollen ausgeschöpft werden, um die "verheerende Maßnahme" abzuwenden, ist der Domowina-Vorsitzende Jan Nuck fest entschlossen. Die Schulen seien "Bollwerke" gegen die um sich greifende Verdrängung der sorbischen Sprache. Überhaupt stellt Nuck den vom Landkreis Kamenz beschlossenen und vom Ministerium bestätigten Schulnetzplan in Frage, der lediglich den Erhalt der sorbischen Mittelschule in Räckelwitz mit Außenstellen in Ralbitz und Panschwitz-Kuckau vorsieht.

Die Sprachbeherrschung der Schüler in den einzelnen Einrichtungen sei dabei mitnichten berücksichtigt worden. Nur in Ralbitz und Crostwitz werde nämlich ausschließlich in Sorbisch unterrichtet. Die Entscheidung sei lediglich nach Schülerzahlen getroffen worden, glaubt Nuck. Er hätte sich gewünscht, dass sich die Verantwortlichen tiefgründiger mit den einzelnen Schulstandorten beschäftigen. (www.sorben-wenden.de)

(ddp) 10.7.2003