Kölner Stadt-Anzeiger 23.07.2003
HINTERGRUND
Die Sorgen der Sorben
In Sachsen kämpft die Minderheit vehement um ihre Rechte
Es kommt nicht alle Tage vor, dass das Aus für eine Schule in der deutschen Provinz internationale Aufmerksamkeit erregt. Dass nun dieses Schicksal einer Mittelschule in der Oberlausitz widerfahren soll, beherrscht die Kommentarspalten in polnischen und tschechischen Zeitungen. Es geht um die Sorbische Mittelschule in Crostwitz, die der Freistaat Sachsen wegen niedriger Anmeldezahlen schließen will. Die 40 000 Sorben sehen darin einen Angriff auf ihre in der Landesverfassung verankerten Minderheitenrechte.
Als 1995 Bilder von sorbischen Trachtengruppen bei der Bundesgartenschau in
Cottbus in westdeutschen Wohnhäusern flimmerten, hatte dies den positiven
Effekt, dass die slawische Minderheit erstmals im vereinten Deutschland von
einer weiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Bis dahin hatte sich
nicht überall herumgesprochen, dass die Sorben deutsche Staatsbürger
sind - aber keine Deutschen. Die Sorben selbst waren über die vermehrte
Aufmerksamkeit nur bedingt glücklich, denn die schönen bunten Bilder
gaukelten eine heile Welt vor. Außerdem reduzierten sie das einzige Slawen-Volk,
das sich seit der Völkerwanderung vor 1500 Jahren westlich der Oder hat
halten können, auf Folklore, deshalb schlagen diese jetzt Alarm. Schon
zu DDR-Zeiten, stellt eine Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung fest, seien
die Sorben als "wunderliche Wilde in einem Reservat vorgeführt worden,
als Ostereier bemalende, Dudelsack blasende und Tracht tragende Simpel".
Das ist eine Seite der Medaille. Zugleich wurden die Sorben jedoch auch als
Vorzeige-Minderheit gehätschelt. Vor den UN schmückte man sich gern
mit einer großzügigen Politik gegenüber den "DDR-Bürgern
sorbischer Nationalität". Die Gelder an die Sorben-Vertretung Domowina
flossen reichlich.
Seit der Wende gibt es keine staatliche Aufsicht mehr, doch der Preis der Freiheit ist offenbar, dass die Sorben sich um die Erhaltung ihrer Sprache und Kultur und damit ihrer Identität sorgen müssen. Zweisprachige Ortsschilder sind in der Umgebung von Bautzen und Cottbus zwar garantiert, aber für die meisten sorbischen Kinder ist ihre Muttersprache inzwischen eine Fremdsprache. Deswegen kämpft die Domowina so erbittert gegen die Schließung der Schule in Crostwitz.
Bei ihrer Kontroverse nehmen die katholischen Sorben der Oberlausitz den gleichfalls katholischen CDU-Ministerpräsidenten Georg Milbradt beim Wort. In einem Grußwort zum Sorbischen Kulturfestival hatte Milbradt betont, die Qualität eines Staates offenbare sich in der Behandlung von Minderheiten.
HARALD BISKUP