Neues Deutschland 12.07.2003
Eine Sprachinsel steht vor dem Untergang
Die sorbische Mittelschule Crostwitz soll nun unwiderruflich geschlossen werden
In Crostwitz findet ab heute das sorbische Kulturfestival statt. Doch den Sorben ist die Feierlaune verdorben. Die Mittelschule im Ort wird von den deutschen Behörden geschlossen. Die Minderheit hat Sorge um ihre Sprache.
Regina Koreng hat sich eine Rede ausgedacht. Zwei Seiten hat sie gefüllt, Wörter durchgestrichen, andere eingefügt. Die Mutter von vier Kindern, die im sächsischen Dörfchen Crostwitz lebt, ist keine geübte Redenschreiberin, im Gegenteil: Der kleine Vortrag, den sie gestern auf dem Schulhof gehalten hat, war die erste Rede ihres Lebens. Aber sie hat ihre Scheu überwunden. Wegen der Schule, sagt sie; wegen der Kinder. Und: Wegen "unserer Nationalität".
In Crostwitz wird die Mittelschule geschlossen, die auch einer der Koreng-Söhne besucht und in der Frau Koreng Elternsprecherin ist. Vor zwei Wochen wurde die Schließung per Fax von der Schulbehörde mitgeteilt; die Eltern erhielten Formblätter, um ihre Kinder für eine der Schulen in den Nachbarorten anzumelden. Am Donnerstag war letzter Schultag.
Die Crostwitzer hatten gehofft, die Schule werde wenigstens noch ihren 100. Geburtstag im nächsten Jahr erleben. Doch 2004 sind auch Landtagswahlen in Sachsen; unliebsame Schlagzeilen sind bei der im Freistaat regierenden CDU unerwünscht. Denn Schüler und Eltern wehren sich, wie meist in solchen Fällen. Wenn in Sachsen und anderswo in Deutschland gegen die Schließung von Schulen gestritten wird, führt allerdings keiner der Beteiligten ein nationales Interesse ins Feld. Doch Crostwitz ist nicht irgendwo in Deutschland.
Das Dorf, aus dessen gedrängten Ziegeldächern der Turm der katholischen Kirche in frischem Ocker leuchtet, liegt inmitten von hügeligen Kornfeldern zwischen Bautzen und Kamenz, dort, wo die Lausitz am sorbischsten ist. Über der Tür des Gasthofes steht hier nicht das in Ostsachsen verbreitete "Kretscham" für Dorfkrug, sondern "Hoscenc". Auf der Straße grüßen sich die Dorfbewohner mit "Budz chwalen Jezus Chrystus!", so wie sie sich in Bayern ein "Grüß Gott!" zurufen würden. Und: Die Unterhaltung wird in Sorbisch weitergeführt. Nicht nur zwischen Rentnerinnen am Gartenzaun, sondern auch, wenn sich Jugendliche verabreden. In Crostwitz hat die sorbische Sprache eine Insel.
Über rund 60000 Angehörige verfügt die nationale Minderheit in Deutschland. Für die Frage, wer gezählt wird, spielt das Verhältnis zur Sprache eine entscheidende Rolle: Sorbe ist, wer sorbisch spricht. Doch nur noch wenige Menschen in der Region bestreiten alle ihre täglichen Gespräche in ihrer eigenen Sprache. "Wir sind unseren Nachbarn immer entgegen gekommen, anders als die sprachträgen Deutschen", sagt Bettina Wessela, Krankenschwester mit sorbischem Abitur. In Gebieten, in denen Deutsche und Sorben nebeneinander leben, hatte derlei Zurückhaltung für die Sprache der Minderheit fatale Konsequenzen. Inzwischen, sagt Wessela, "geht es um unsere Existenz".
Dafür, dass Crostwitz bislang in sprachlicher Hinsicht eine Insel der Glückseligen zu sein schien, hat die Schule eine entscheidende Rolle gespielt. Sorbisch wird nicht nur im Unterricht, sondern auch auf dem Pausenhof gesprochen. "Eine von nur zwei wirklich sorbischen Schulen in der ganzen Welt", sagte Clemens Hrjehor, der katholische Pfarrer, vor zwei Jahren. Damals begann der Streit um die Schulschließung. Weil es für die neu einzurichtende fünfte Klasse nur 17 Anmeldungen gab, erkannte das Kultusministerium auf "fehlendes öffentliches Bedürfnis" und strich die Zuschüsse.
Es folgten erbitterte Proteste, lautstarke Kundgebungen, Interventionen aus Nachbarländern und ein in Sachsen beispielloser Fall von zivilem Ungehorsam: Die Fünftklässler wurden gegen den Willen der Behörde von pensionierten Lehrern unterrichtet - in Crostwitz. Behörden indes sind träge, und im Fall der sorbischen Schule gereichte ihnen das Beharrungsvermögen zum Vorteil. Die damaligen Fünftklässler fahren inzwischen ins benachbarte Ralbitz, ebenso wie ihre 2002 eingeschulten Nachfolger. Die jetzige Schließung ist Schlussstrich unter einen schleichenden Tod.
Die Sorben fühlen sich von der Entscheidung der deutschen Behörden tief getroffen. Pfarrer Hrjehor spricht von einer "historischen Niederlage" und erhebt harte Vorwürfe gegen die Landesregierung: "Hier wird mit Hilfe von Schulpolitik auch Nationalitätenpolitik betrieben." Zwar ist den Sorben in der Verfassung des Freistaates das "Recht auf Bewahrung ihrer Identität sowie auf Pflege und Entwicklung ihrer angestammten Sprache" eingeräumt - und zwar "insbesondere durch Schulen". Doch stures Festhalten an Klassengrößen, wie sie in Sachsen gelten, habe "einen der besten Sprachräume zerstört". Der sorbische PDS-Landtagsabgeordnete Heiko Kosel sieht die Landesregierung daher an ihrem "verfassungswidrigen Kurs der Zerstörung sorbischer Grundsubstanz" festhalten.
Andernorts gewinnt die sprachliche Assimilierung derweil an Fahrt. Im benachbarten Ralbitz, von Hrjehor vor zwei Jahren ebenfalls noch gepriesen, "können heute zwar alle Kinder sorbisch sprechen", sagt der Pfarrer. In Crostwitz, fügt er hinzu, "tun sie es aber tatsächlich auch". Die symbolträchtige Schließung konterkariere daher andere Bemühungen zum Erhalt des Sorbischen, sagt Manuela Smolina, die als Lektorin im Bautzener Witaj-Sprachzentrum arbeitet. Das staatlich geförderte Projekt will zweisprachige Erziehung in Kindergärten und Schulen vorantreiben. In vielen Familien lernen Kinder die Sprache neu, die sie von ihren Großeltern kennen, von ihren Eltern aber nie gehört haben. Die Witaj-Einrichtungen werden oft als Buhnen für die sorbische Sprachinsel gesehen. Was aber, fragen viele Sorben, nützen Buhnen, wenn gleichzeitig die letzten Felsen in der Brandung geschleift werden?
Smolina, die für die Sorben im Landeselternrat sitzt, hält das Argument der Kultusbehörden, wonach die Qualität einer Schule von ihrer Größe abhängt, für falsch. Sie verweist auf Minderheitenschulen in Ländern wie Österreich oder Ungarn, in denen oft nur ein Dutzend Schüler pro Altersstufe jahrgangsübergreifend unterrichtet werden. In Tschechien, wo es auch Schulen für deutsche Minderheiten gibt, wurde die Mindestzahl unlängst auf zehn Schüler pro Klasse herabgesetzt. Sachsens Kultusminister Karl Mansfeld sieht indes den Spielraum seiner Behörde ausgereizt. Es seien bereits "alle denkbaren Ausnahmetatbestände" gewährt worden, sagte er bei einer Landtagsdebatte am Donnerstag. In Crostwitz wird anders geurteilt. Bei den Behörden, sagt Bettina Wessela, "regiert typisch deutsche Prinzipienreiterei"
In Wesselas Wohnstube stehen deshalb wieder die Transparente bereit, mit denen vor zwei Jahren schon einmal protestiert wurde. Die Hoffnung der Eltern liegt in überregionalem und internationalem Aufsehen. Pfarrer Hrjehor hat sich in einem Schreiben an den Papst über die Zustände im Sorbengebiet beklagt, in dem der sächsische Ministerpräsident und bekennende Katholik Georg Milbradt seinen Wahlkreis hat. Jan Nuck, Vorsitzender der Domowina, hat auch an den Hohen Kommissar für die Angelegenheiten nationaler Minderheiten bei der OSZE sowie an den zuständigen Ausschuss beim Europarat geschrieben. Um die "für die sorbische Zukunft verheerende Maßnahme abzuwenden", sagt Nuck, sollten "alle von der Verfassung gebotenen Möglichkeiten" ausgeschöpft werden.
Auch in den Nachbarländern, denen im Vorfeld ihres EU-Beitritts harte Auflagen zum Umgang mit nationalen Minderheiten erteilt wurden, wird das Problem aufmerksam registriert. Große polnische Tageszeitungen melden die Schulschließung. Tschechische Abgeordnete und Kulturpolitiker sprechen von einer "nationalen Tragödie" für das kleinste slawische Volk und haben Sachsen sogar angeboten, gemeinsame Bemühungen bei der EU für eine auskömmliche Finanzierung des sorbischen Schulwesens zu starten. Man sei der Überzeugung, dass der Erhalt der sorbischen Kultur "eine europäische Dimension hat und nicht nur ein lokales Problem darstellt", heißt es in einem offenen Brief. Der Europaausschuss des tschechischen Parlaments behandelt derzeit ein Papier, in dem die "Koordinierung der tschechischen Hilfe für sorbische Schulen" behandelt wird.
Für Proteste genutzt wird auch das sorbische Kulturfestival, das an diesem Wochenende in Crostwitz stattfindet. In einem Grußwort hat Regierungschef Milbradt geschrieben, in der Behandlung von Minderheiten "offenbart sich die Qualität eines Staates". Die Freiheit von Minderheiten bestimme sich "im Wesentlichen durch ihr Recht auf kulturelle Selbstbestimmung". Nach der Schulschließung, die von der Domowina als Vertretung des sorbischen Volkes abgelehnt wird, machen sich viele Sorben darauf ihren eigenen Reim.
Noch deutlicher ist ein anderes Zeichen. Gestern wurde in der katholischen Kirche ein schlichtes Holzkreuz geweiht, auf dem in Sorbisch die Worte "Wir waren, wir sind, wir werden sein" zu lesen sind. Das Kreuz, das gegenüber der Schule angebracht wurde, ist einem Vorgänger nachempfunden, den Jugendliche aus dem Nachbarort Ralbitz 1938 anfertigten. Damals hatten die Nationalsozialisten die sorbische Sprache verboten und die Schulen geschlossen. "Das Volk", sagt Pfarrer Hrjehor, "zieht Vergleiche". Auf dem neuen Kreuz stehen zwei Jahreszahlen. Neben 1938 ist das 2003 - das Jahr, in dem die Mittelschule in Crostwitz geschlossen wurde.
Von Hendrik Lasch