Ostsee-Zeitung 29.09.2003
Kaum noch rein sorbische Schulen
Kinder müssen weitere Wege zum Unterricht zurücklegen
Ralbitz (dpa) "Bajki" steht an der Tafel, und von den 20 Mädchen und Jungen im Klassenzimmer wundert sich niemand über dieses für die absolute Mehrheit der Deutschen unverständliche Wort. Die Schüler der fünften Klasse der sorbischen Mittelschule in Ralbitz sind mit "Bajki", also "Märchen", aufgewachsen. Sie lesen ihre Texte auf Sorbisch, beantworten die Fragen der Lehrerin auf Sorbisch und tuscheln miteinander auf Sorbisch. Ihre Schule im Landkreis Kamenz ist die letzte Mittelschule in Sachsen, in der Sorbisch nicht nur Unterrichtssprache, sondern auch Umgangssprache ist.
Bis zu diesem Schuljahr hatte das auch für die Mittelschule im nahe gelegenen Crostwitz gegolten. Sie wurde aber trotz heftiger Proteste der Sorben geschlossen, weil die Schülerzahlen zu gering geworden waren. Die von der Schließung betroffenen Mädchen und Jungen sind größtenteils nach Ralbitz ausgewichen, an den vier anderen sorbischen Mittelschulen ist Sorbisch in einem Teil der Klassen nur Zweitsprache.
Für manche Schulwechsler bringt die Schließung von Crostwitz einen weiteren Weg zur Schule mit sich, für die Sorben - eine von drei Minderheiten in Deutschland - ist die Schließung jedoch Teil einer Existenzfrage. "Mit jeder Schule geht auch eine Institution zum Erhalt der Sprache verloren", sagt Raphael Schäfer, Leiter des Witaj- Sprachzentrums in Bautzen. Das Witaj-Projekt der Sorben hat sich die zweisprachige Erziehung der Kinder bereits vom frühesten Kindesalter an zum Ziel gesetzt.
In Ralbitz, das im sorbischen Kerngebiet liegt, ist die sorbische Kultur mit den Händen greifbar. Schilder sind ganz selbstverständlich auf Deutsch und Sorbisch oder nur auf Sorbisch, in der örtlichen Bäckerei wird der Kunde auf Sorbisch begrüßt. In Ralbitz unterhalten sich nämlich auch die 22 Lehrer auf Sorbisch miteinander - und das ganz bewusst. Die Vorbildfunktion spiele bei der Vermittlung der Sprache eine große Rolle, sagt Glücklich. Es ist aber auch nicht so, dass an der Schule in Ralbitz gar kein deutsches Wort gesprochen würde. So gibt es natürlich ein Unterrichtsfach Deutsch, und bestimmte Fächer wie Mathematik etwa werden dann doch auch auf Deutsch unterrichtet. So soll vermieden werden, dass die Schüler später etwa bei der Berufsausbildung ins Hintertreffen geraten, weil ihnen bestimmte Begriffe auf Deutsch fehlen.