Sächsische Zeitung 04.11.2003
Schuloffensive und Schüsse vor den
Bug
Bürgermeister wollen Neuanfang: Meinungsfindung zu sorbischen Mittelschulen soll so demokratisch wie möglich vonstatten gehen
Von Andreas Kirschke
Ein Konflikt lodert über den sorbischen Mittelschulen. Wird der (juristische) Kampf um die Mittelschule Crostwitz erfolgreich sein? Etwa vor dem Europäischen Gerichtshof? Droht inzwischen weiteren sorbischen Mittelschulen die Schließung? Bleibt am Ende von vier Mittelschulen gar nur eine einzige - zentrale - Schule übrig? Die SZ ist dem Streit über den richtigen Weg nachgegangen.
"Jede Schließung einer sorbischen Schule bedeutet die Schwächung der sorbischen Grundsubstanz", schreibt Bozena Pawlikec vom Witaj-Sprachzentrums Bautzen in der Broschüre "Das sorbische Schulnetz in der Demontage. Hintergründe und Fakten". Intensiv geht sie auf den Crostwitzer Schulstreik ein. Ein Fazit: Wer Minderheiten nur nach reinen Schülerzahlen sieht, praktiziert eine Gleichbehandlung von Ungleichem. Der Schulstreik offenbare zwei Notwendigkeiten: die Aufnahme einer Regelung des sorbischen Schulwesens im sächsischen Schulgesetz und die Aufnahme eines Minderheitenartikels im Grundgesetz.
Ähnlich argumentiert die Domowina. Die große Mehrheit des Bundesvorstandes, so Christian Baumgärtel, ist für die Weiterführung des juristischen Kampfes. Eine Sammelklage von vier Familien beschäftigt jetzt das Sächsische Verfassungsgericht. Zuvor wiesen das Verwaltungsgericht Dresden und das Oberverwaltungsgericht Bautzen die Klage ab. "Es geht hier nicht nur um Crostwitz. Es geht insgesamt um die sorbischen Schulen", sichert Bernhard Ziesch, Geschäftsführer der Domowina, den Eltern weitere Hilfe zu. Sowohl moralisch als auch durch Spenden zur Finanzierung der Klage. Die Linie der Domowina: Erprobung des zweisprachigen Konzepts - begleitet durch das Comenius-Institut. Die inhaltlich-fachliche Bewertung erfolgt 2006. Bis dahin sollten alle vier Standorte erhalten bleiben.
"Keine Einmischung von Außenstehenden"
Und dafür scheint der Dialog nötiger denn je zu sein. Ging doch zuletzt viel Porzellan zwischen den Sorben selbst zu Bruch. "Eine Einmischung von Außenstehenden in die Schulangelegenheiten der Gemeinden wird künftig nicht mehr geduldet. Interessengruppen, die lediglich Teile der Bevölkerung ohne Beachtung der tatsächlich vorhandenen Gegebenheiten in unserem Territorium vertreten und nicht ehrlich kompromissbereit sind, stellen für uns keine Diskussionspartner mehr da", mit dieser Erklärung verwahrten sich die Bürgermeister am Klosterwasser gegen Bevormundungen. Alfons Rycer, Vorsitzender des Verwaltungsverbandes "Am Klosterwasser" einen "Schuss vor den Bug". "Wir hatten zunehmend den Eindruck, dass sich die Domowina anmaßt, für die gesamte Einwohnerschaft zu sprechen", schildert er. "Befugt sind die Gemeinderäte. Denn die Gemeinden (bis auf Panschwitz) sind Träger der Schulen. Sie finanzieren die Schulen." Grabenkämpfe der Domowina, so Rycer, helfen nicht weiter. "Es geht darum, dass wir Sorben eigenständig entscheiden. Dass wir die Initiative ergreifen. Kommt das nicht zustande, haben wir alle versagt."
Im September berieten die 17 Vertreter der Verbandsversammlung grundsätzlich zur Entwicklung der sorbischen Mittelschulen. Die rechtlichen Bestimmungen, die stabilen politischen Verhältnisse in Sachsen, die Rechtssprechung seit 2001 zu Crostwitz, auch die demographische Entwicklung ließ die Mitglieder zu dem Schluss kommen: Eine Reduzierung der Mittelschulen wird unausweichlich sein. Umso dringlicher sei es, dass die Gemeinden einvernehmlich handeln. Sie sollen eine langfristige, tragfähige Mittelschul-Struktur an-streben. "Die letzte Chance für uns", betont Alfons Rycer.
Die Mehrheit der Gemeinden signalisierte bereits Gesprächsbereitschaft. Auch die Bereitschaft, eine Mehrheitsentscheidung der fünf Mitgliedsgemeinden des Verwaltungsverbandes über Zahl und Standorte mit allen Konsequenzen zu tragen. Eine Arbeitsgruppe "Mittelschulnetz" entstand. Ihr gehört je ein Vertreter aus den Gemeinden und beratend je ein Vertreter des Sorbischen Schulvereins und des Regionalschulamtes an. Bis Ende März soll ein Variantenvergleich für das Mittelschul-Netz vorliegen. "Danach wollen wir die Einwohner einbeziehen", befürwortet der Vorsitzende eine Bürgerbefragung. So demokratisch wie möglich soll die Entscheidung heranreifen.
Drei Schulen sind keine dauerhafte Lösung
Aus dem Bescheid des Kultusministeriums zum Mittelschulnetz des Kreises Kamenz geht für den Verwaltungsverband klar hervor, dass drei Schulen keine dauerhafte Lösung sind. Insofern gehe es um die einvernehmliche Reduzierung auf einen Standort an zentraler Stelle (grundhafte Sanierung der derzeitigen Schule Räckelwitz oder Neubau an einem optimaler gelegenen Ort) oder auf zwei Standorte mehr am Rande (Ralbitz und Panschwitz-Kuckau). Freiwerdende Sorbisch-Lehrer, so der Verband, sollten vom Regionalschulamt an den Mittelschulen Wittichenau, Königswartha und Göda eingesetzt werden. Sie könnten das Witaj-Modell hier künftig absichern. Ein weit großflächigeres Angebot an zweisprachiger Bildung käme zustande. "Das würde das sorbische Mittelschulnetz insgesamt aufwerten", meint Alfons Rycer. Er räumt ein, dass auf den Gemeinderäten ein schwerer Entscheidungsdruck lastet. Denn keine Kommune wird von sich auf ihre Schule verzichten. "Wer pragmatisch denkt, weiß jedoch, dass es nicht so bleiben kann. Es sind unsere Schulen. Wir sind dafür verantwortlich. Und deshalb hoffe ich auf das Einvernehmen."