Sächsische Zeitung 11.07.2003
Nur der Papst wird fehlen
Sorben lassen ihre Mittelschule in Crostwitz nicht kampflos
schließen
Von Carla Mattern
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| Die Sorbin Regina Scholze ging nie ohne Fahne zu den Crostwitzer Schulstreik-Protesten. Foto: SZ/W. Wittchen |
Vom Papst werden die Sorben in Crostwitz heute wohl nichts hören. Ihre Bitte um Beistand hatten sie vergangene Woche an das Oberhaupt der katholischen Kirche übermittelt. Der Anlass: Die unmittelbar bevorstehende Schließung der sorbischen Mittelschule in Crostwitz im Landkreis Kamenz. Bis gestern Abend hatte Domowina-Chef Jan Nuck, der Absender des Briefes, noch gar nichts gehört. Wird er wohl so schnell auch nicht. Aus der Berliner Nuntiatur - das ist sozusagen die diplomatische Vertretung des Vatikans in Deutschland - erfuhr die SZ auf Nachfrage nur, dass vom Papst natürlich eine Antwort zu erwarten wäre. Wann, das könne man nicht sagen.
Aufmerksamkeit hat den Sorben dieser Brief an Papst Johannes Paul II. jedenfalls eingebracht. Die brauchen sie auch. Schließlich geht es mit dieser Schulschließung an die Substanz. Mancher Sorbe sieht schon Parallelen zur Nazizeit, als die sorbische Sprache in der Schule verboten war. Das Kreuz der Ralbitzer Kirchgemeinde erinnert an diese Zeit. Dass es heute Abend während eines Gottesdienstes gesegnet wird, ist nicht nur eine Geste. Der darauf eingravierte Spruch wird zum Motto des Kampfes um sorbische Schulen: "Wir waren. Wir sind. Wir werden sein." wird auf den neuen Ansteckern stehen. Heute Abend werden die während der
Protestaktion auf dem Crostwitzer Schulhof zum ersten Mal verteilt.
Auch die Sorbin Regina Scholze - die Großmutter mit Tracht und Fahne, wie sie seit der kämpferischen Tage im Sommer 2001 genannt wird - gehört heute wieder zu den Protestierenden. Sie streikte mit, als 17 Fünftklässler und ihre Eltern das Verbot der 5. Klasse abwenden wollten. Damals wie heute geht es um ihre Enkelkinder. Die sollen nicht feststellen, dass ihre Muttersprache nur noch für die Alten wichtig und im Sprachgebrauch ansonsten nicht mehr zu hören ist. Deshalb geht die viel fotografierte und gefilmte Sorbin auch hin. Und macht sich Gedanken. Zum Beispiel darüber, dass eine Protestaktion der Eltern zur Eröffnung des fünften Internationalen Folklorefestes gestern Abend in Bautzen nicht erwünscht war. Mehr als 600 Künstler sind in diesen Tagen zwischen Bautzen, Nebelschütz und Crostwitz - angestammtes sorbisches Siedlungsgebiet - zu Gast. Sie und Besucher des Festes werden trotzdem von den Sorgen und Protesten erfahren.
Ein offener Brief tschechischer Parlamentarier, Regierungsvertreter,
Vereine, des tschechischen Zentrums des PEN-Clubs sowie des Sorben-Dachverbands
Domowina an die sächsische Regierung wurde gestern veröffentlicht.
Darin schlagen die Unterzeichner vor, für den Erhalt sorbischer Schulen
zusätzliche Mittel von der Europäischen Union zu besorgen. Die gesetzlich
festgelegte Mindestzahl von 20 Schülern in sächsischen Klassen sei
für das kleine slawische Volk "sehr unbarmherzig". Derweil verteidigte
Sachsens Kultusminister Karl Mannsfeld (CDU) die Entscheidung vor dem Landtag.
Die Schließung der Crostwitzer Mittelschule sei ein Einschnitt in die
gewachsene sorbische Schulstruktur, aber notwendig und vertretbar, sagte er.