Unsere Zeit 26.09.2003
Die Hunde bellten, die Karawane zog weiter
Sachsen schließt Crostwitzer Schule und damit eine der Wenigen, die den Sorben geblieben ist
Nur zwei Jahre nach dem über Europas Grenzen hinaus bekannt gewordenen und mit Kompromissen beendeten Aufstand der Sorben gegen die Schließung der Crostwitzer Schule, folgte nun pünktlich zum diesjährigen Schuljahresbeginn sozusagen ein Gefälligkeitsurteil des Dresdner Verwaltungsgerichtes: Diese Mittelschule - eine der wenigen, die den Sorben verblieben ist - muss endgültig geschlossen werden. Normalität zwar in Sachsen, sind doch inzwischen Hunderte andere Schulen auch dicht gemacht worden, obwohl Klassen mit 32 Schülern aus allen Nähten platzen und das Lernen auf der Strecke bleibt. Die Schule einer Minderheit wie der Sorben aber ist nicht nur Schule schlechthin, sie ist Schule des Volkes, der Vermittlung von Sprache, Kultur, nationalen Traditionen und Überlebenswillen.
Gerade noch hatte der Papst seinen Glaubensbrüdern übermitteln lassen, er denke an sie, er bete für sie, er segne sie. Im Namen des Vatikans reagierte er damit auf einen Brief des Vorsitzenden der Domowina, Jan Nuck, vom Sommer dieses Jahres, der um Unterstützung für den Erhalt des sorbischen Schulnetzes gebeten hatte, da die muttersprachlichen Schulen als "unverzichtbare Sprachräume" existentielle Bedeutung für das sorbische Volk haben.
Vor zwei Jahren, als die Schließung auf die Tagesordnung kam, als erst einmal keine neue fünfte Klasse in Crostwitz´ Jurij-Chezka-Schule mehr gebildet werden sollte, begann der Aufstand unter dem Zeichen des Kreuzes. Kämpferisch hatte der katholische Pfarrer Clemens Rehor die Seinen aus der näheren und weiteren Umgebung auf dem Schulhof versammelt. Da mag der sächsischen Schulobrigkeit der Schreck in die Glieder gefahren sein, ausgerechnet die treuen Glaubensbrüder streikten.
Vorerst siegte der zivile Ungehorsam der Sorben. Pensionierte Lehrer übernahmen den Unterricht der 17 Crostwitzer Fünftklässler strikt nach Lehrplan. Täglich gingen die Kinder geschützt von einem Spalier mehrerer hundert Sympathisanten zur Schule und lernten eifrig wie nie zuvor. Von der frei Haus gelieferten politischen Bildung gar nicht zu sprechen. Eine enorme Solidaritätswelle erreichte das kleine slawische Volk. Sachsens minderheitspolitische Peinlichkeit führte zum Protest der russischen Duma und zu einem Hilfsangebot. Das tschechische Parlament diskutierte den Fall und stellte 10 000 DM zur Verfügung. Sogar in Japan reagierte man. Hans Modrow, PDS-Abgeordneter, wurde im Europaparlament vorstellig und zwang die EU-Kommission zu einer Stellungnahme.
Sachsens CDU-Obere lavierten herum, Zeit wurde geschunden.
Aber nicht nur das. Die Regierung sann auch auf Revanche: Als die Schule in der Begeisterung des Streiks in freiwilligen Stunden einen neuen Anstrich bekam - eine Renovierungsleistung im Wert von 40 000 DM - folgte unverzüglich eine Strafandrohung wegen verletztem Denkmalsschutz. War das noch ein Lacher angesichts des früheren Zustandes der Schule, so wurde es ernst, als Kultusminister Rößler nachschob und das Bautzener Regionalschulamt drohen ließ, die Eltern der Fünftklässler hätten jeweils 2500 DM Strafe zu zahlen und die Kinder die fünfte Klasse nachzuholen. Sie werde sonst nicht angerechnet. Als das die sorbischen Dickschädel immer noch nicht aufgeben ließ, versuchten Vertreter des Schulamtes regelrecht handgreiflich, die Kinder am Betreten der Schule zu hindern.
Der Druck war schließlich so stark, dass man zusammen mit der Domowina beschloss, den Schulstreik auszusetzen. Eine Schlacht sei verloren, nicht aber der Kampf. - Dachten die Sorben, die sich sofort an einen Runden Tisch setzen und Konzepte erarbeiteten. Dachte die Domiwina, der Bund Lausitzer Sorben, der nach seinem Verbot 1937 schon am 10. Mai 1945 wieder gegründet werden konnte - als Ausdruck des Überlebens- und Gestaltungswillens der Sorben, die nun, seit der "Wende", zunehmend assimiliert werden sollen. Dachte auch die PDS, die das sorbische Anliegen im Landtag weiterhin mit konkreten Papieren unterstützte.
Seit dem 1. September nun ist die fast ausschließlich von Sorben besuchte Schule, siehe oben, laut Gerichtsbeschluss, geschlossen, sind ihre Schüler aufgeteilt. Juristisch mag das Urteil abgesichert sein. Das novellierte sächsische Schulgesetz hätte allerdings auch eine andere Entscheidung möglich gemacht, weist Heiko Kosel, PDS-Landtagsabgeordneter - und selbst Sorbe - nach. Die politischen Spielräume wurden ohnehin nicht genutzt. Abgesehen davon, dass der Schutz der sorbischen Sprache in Sachsens Verfassung verankert ist, umgeht Sachsen nach wie vor die von der Bundesregierung ratifizierten europäischen Dokumente zum Schutz von Regional- und Minderheitensprachen. Ein weites Feld. Denn es geht um mehr als lediglich das Sorbische. Es geht um kulturelle Reste einer Minderheit in einer immer globaleren, uniformierten Weltmasse. Sachsen ist dabei, ein wichtiges Stück europäischer Kultur zu liquidieren und nicht nur schlechthin eine Mittelschule. Da mag der Papst beten soviel er kann. Dass er die Sorben schon, als er noch Kardinal von Krakow war, zum Festhalten an ihren Glauben und ihrer ethischen Identität beschwor, mag ihnen in der DDR geholfen haben mehr als ein Folkloreverein zu sein, seit sie die bundesdeutsche Freiheit gewannen, nützt es herzlich wenig.
Die Hunde bellten, pardon, die Sorben revoltierten, die sächsische Staatsregierung verfolgt unbeeindruckt ihren Kurs. Das ist also Demokratie
Maxi Wartelsteiner.